Geliebte Tyrannen

Ich will etwas schreiben. Etwas, das seit letzter Nacht in meinem Kopf herumgeistert und aus mir herausgebracht werden soll. Ich bin startklar, meine Beine liegen entspannt auf dem kleinen Hocker, der Rest von mir hat sich in den Kuschelsessel geschmeichelt und der Laptop ruht auf meinen Oberschenkeln. Tee neben mir, draußen Regen, sturmfreie Bude, Wochenende. Ich mag das.

Und dann kommt die Katze.

Sie springt auf den kleinen Hocker und quetscht sich neben meine Füße. Sie sitzt, macht keine Anstalten, sich hinzulegen und schaut mich erwartungsvoll an. Hunger kann sie nicht haben. Gestreichelt werden will sie jetzt wohl auch nicht. Sie hat Langeweile, glaube ich. „Ich hab´jetzt keine Zeit, Muckelchen! Guck´doch mal, wo deine Freundin ist.“ Ich mache eine hinweisende Kopfbewegung Richtung Bett. Da liegt die andere Katze. Zusammengerollt. Tief schlafend. Die Sache ist klar: Als Spielgefährtin kommt sie jetzt nicht in Frage, alle Vierbeiner im Raum wissen das und ich bin offenbar menschendoof wie nix Gutes.

Ich schaue auf den Bildschirm. Dann fange ich an zu schreiben. Aus den Augenwinkeln sehe ich die Katze vom Hocker herunterspringen. Sie geht aus dem Raum. Ich ertappe mich dabei, ihr „Tut mir leid!“ hinterherrufen zu wollen.

Nach ungefähr 100 getippten Zeichen erscheint die Katze wieder neben mir. Sie trägt einen alten, angesabberten, rosafarbenen Luftballon in ihrem Maul und spuckt ihn neben mir auf den Boden. Ich bin gerührt. Das ist so unfassbar niedlich. Sie liebt es, wenn ich den glittschigen Ballon (den wir hausintern „Flappi“ nennen) zwischen spitze Finger nehme und wegwerfe wie beim „Stöckchenholen“. Die Katze rast hinterher, schlittert ein Stückchen auf dem glatten Boden, schnappt sich die Beute, schüttelt sie tot und bringt sie mir schließlich zurück. Damit ich noch mal werfe. Und noch mal.

Ich könnte sie knutschen, die Katze.

Aber ich habe andere Pläne jetzt. Ich will schreiben! Also nehme ich Flappi, sage: „Aber nur ein Mal!“, schleudere ihn in Richtung Bett, in der Hoffnung, den Spieltrieb der anderen, schlafenden Katze zu wecken und so in Ruhe arbeiten zu können. Natürlich habe ich damit keinen Erfolg. Klar, menschendoof ohne Ende.

Eine mickrige Anzahl getippter Zeichen später will die Katze auf meinen Schoß. Ich bringe es nicht über´s Herz, sie wegzuschieben. Stattdessen schiebe ich den Laptop so weit Richtung Knie, wie es geht und wie die Katze es braucht, um gemütlich auf mir liegen zu können. Meine Arme muss ich nun relativ weit und relativ ungemütlich ausstrecken, um weiter tippen zu können. Einige Katzenkrallen pieksen immer wieder durch das dünne T-Shirt in meinen Bauch. Schnurren übertönt das Klacken der Tastatur. Die Katze tretelt. Wie süß. Sie tretelt lange. Ziemlich lange. Ich höre auf zu schreiben und warte darauf, dass sie sich endlich richtig hinlegt.

Dann hat sie ihre beste Position gefunden. Sie schaut mich mit einem Blick an, den wahrscheinlich nur Katzenfreunde_innen erkennen können. Jener Blick, der zum Streicheln auffordert und der keinen Widerspruch duldet. Jener Blick, der autoritär und unterwürfig zugleich ist. Ich kann nicht anders. Ich liebe ihr Fell, das Muskelspiel, die Konturen, die Vibrationen. Ich gebe ihr und mir drei Minuten. Die Laptopuhr läuft.

Fünf Minuten später probiere ich das erste Mal, meine Hände wieder an die Tastatur zu legen. Die Katze ist noch nicht richtig eingeschlafen. Sie erhebt sich missmutig und verteilt ihr ganzes Gewicht ungünstig auf dreieinhalb Pfoten auf meinem Bauch. Ich unterdrücke ein Schmerzjammern. Sie rollt sich schließlich wieder zusammen und wir vertragen uns stillschweigend.

Sieben Minuten später kommt mir eine schlaue Idee.

Ich gebe bei Youtube die Suchbegriffe „Katze“ und „Entspannungsmusik“ ein.

Die ersten Töne erklingen und ich beobachte den Fellberg zwischen mir und dem Laptop. Er hat sich ganz schön ausgedehnt, dieser Fellberg. Das Hinterteil überragt fast die Leertaste. Naja, egal. Schläft das Vieh jetzt endlich? Ich probiere ein vorsichtiges Tippen. Die Katze grummelt und hebt den Kopf. Will sie mir sagen, dass sie das „Aristocats“-Hörspiel lieber mag? Ich glaube nicht, dass sie wirklich auf diesen Disney-Kram steht, den ich letztens mal ihr zuliebe eingeschaltet hatte. Ich ändere das Video und versuche „Andy McKee“. Den mag ich selbst auch viel lieber, als dieses dödelige Gedudel zuvor.

10 Minuten später schrecke ich aus einem verlängerten Sekundenschlaf auf.

Die Katze springt empört von meinem Schoß und wirft dabei fast den Laptop herunter.

Die andere Katze auf dem Bett dreht sich auf den Rücken und streckt alle Viere von sich.

Ich muss lachen.

Dann schreibe ich endlich. Ich vergesse mit jedem Wort meine Umgebung ein Stückchen mehr und bringe das aus mir heraus, was seit letzter Nacht in mir herumgeisterte.

Irgendwann schließe ich den Laptop und schaue mich um.

Beide Katzen liegen auf dem Bett.

Ich schleiche mich vorsichtig heran und krieche langsam zu ihnen auf die Matratze. Um sie nur ja nicht zu stören, rolle ich mich zu einer kompakten Menschenkugel zusammen.

Und dann hole ich den verpassten Schlaf von letzter Nacht nach.

Flashback

Ich sitze in meinem Zimmer und falle aus der Zeit. Der Grund ist der Geruch von Knete, die in kleinen bunten Dosen vor mir steht. Ich hob einen Deckel an und jetzt tropfen Tränen in die blaue, glatte Masse. Wie von selbst holt mein Gehirn wieder die Bilder meiner kleinen Schwester hervor. Sie sitzt auf dem Fußboden und isst Knete, weil sie so lecker riecht, sagt sie. Und ich, die Große, möchte lachen, bin aber verantwortlich, möchte schimpfen und sie schütteln. Ich schleppe die Kleine ins Badezimmer, um ihr die Zähne zu putzen, während sie kreischt wie verrückt. Mein Vater hätte sie in dieser Situation geschlagen. Ich unterdrücke Reflexe. Ich weiß, dass ich später großen Ärger bekommen werde, wenn das alles herauskommt.

Ich sitze in meinem Zimmer und erinnere die Szene, als wäre sie erst vor kurzem passiert. Meine Hände umgreifen die geöffnete Dose. Ich wollte etwas ausprobieren, etwas Kreatives, ich hatte vergessen, wie das damals war mit der kleinen Schwester, ich wusste doch gar nichts mehr von der Bedeutung und so kamen die Knetedosen einfach zu mir, weil ich was gestalten wollte und erst durch den Geruch fällt es mir wieder ein.

Wie das war, damals. Als die Kleine sich durch mein rabiates Zähneputzen so schlimm verschluckte, dass ich Angst bekam, sie würde ersticken. Meine Hilflosigkeit. Ich war zehn, die Kleine zwei Jahre alt. Ich war wütend, dass sie so dumm war, die Knete zu essen. Und dann war ich voller Panik.

Ich weiß nicht, wie ich wieder herausfinden kann, aus dieser Erinnerung.

Ich suche einen Anhaltspunkt in meinem Zimmer.

Ich finde ihn.

Ich zähle die Sekunden, bis ich mich wieder in der Zeit fühle.

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Amöhrös

Hätte ich gewusst, wie sehr ich die beiden in ihrer innigen Verbundenheit stören würde, hätte ich sie heute nicht aus dem Hochbeet gezogen.

Tut mir leid, Ihr beiden.

Jetzt kommt ihr aber trotzdem auf den Teller, wenn Ihr doch schon mal da seid. So ist der Lauf der Natur. Fressen und gefressen werden. Das Leben ist kein Ponyhof. Wir sind hier nicht bei „Wünsch-dir-was“, sondern bei „So isses“. Eine Möhre ist eine Möhre ist eine Mahlzeit.

Liebe geht ja bekanntlich durch den Magen.

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