Sebastian, du lächerlicher Furz!

Zuletzt habe ich hier geschrieben, als der Sommerflieder vor meinem Fenster noch stand. Inzwischen wurde er von einem Orkan geknickt. Und ich auch.

Der Vorteil dieses Sturmtiefs ist jedoch, dass mein Zimmer nun heller ist, weil eben mehr Licht hinein kann. In meinem Innern ist das ähnlich, allerdings wird dort weitaus mehr Staub sichtbar, als in meinem Zimmer. Was nicht so schön ist. Zumal ich neuerdings von meiner Milbenallergie weiß. Was aber wiederum ein anderes Thema darstellt.

Nun sitze ich in meinem Sessel, der früher auch mal bequemer zu sein schien und betrachte die neubeleuchteten Stellen. Der Laminatboden wirkt dreckig. Dabei ist er geputzt und leider einfach nur ziemlich zerkratzt. Da ist nix mehr zu machen. Ich wünschte, ich hätte richtigen Holzdielenboden, so wie der elitäre, kackdoofe Hipster im Dachgeschoss.

Naja, was soll´s. Sieht zwar prima aus, macht das Leben aber auch nicht wertvoller. Den Holzdielenboden meine ich, nicht den Hipster. Oder auch. Wer weiß.

Die Farbe der Vorhänge strahlt dafür schöner, seitdem Sturmtief „Sebastian“ vor meinem Fenster so aufgeräumt hat. Außerdem verbrauche ich weniger Lampenstrom. Und es ist Platz für Neues. Draußen im Garten, drinnen im Zimmer (wie teuer ist es, eine Schleifmaschine zu leihen?) und noch weiter drinnen, in mir selbst.

Der Staub liegt schon seit Jahrzehnten.

Hat sich viel zu gemütlich eingerichtet. Sich im Verborgenen ausgebreitet. Sich klumpig zusammengeflust. Was für ein Saustall, verdammichnocheins!

Ich muss niesen. Is´ja klar.

Den Sommerflieder hast Du geknickt, Du Arschloch-Sebastian. Mich nicht!

Ich bin nur ordentlich durchgepustet.

 

 

 

 

 

 

 

Advertisements

Assoziationswahnsinn

„Heute in 4 Monaten ist der zweite Weihnachtstag. Dann stelle ich mir wieder die Frage, wen ich besuchen möchte. Und dann wird mir wieder einfallen, dass ich familiär nicht gut ausgestattet bin. Beziehungsweise, dass ich da niemanden besuchen kann. Beziehungsweise will. Und dann werde ich mich hier in meinem Zuhause umschauen und mich damit trösten, dass ich eine neue, eine richtige Heimat habe. Dass ich liebe und geliebt werde. Dann werden wir zusammen Raclette oder so etwas in der Art machen, uns bei den Händen fassen und uns versichern, wirklich auch eine richtige Familie zu sein. Vielleicht werde ich zu später Stunde bei „Terminator“ oder „Apocalypse now“ ein bisschen weinen. Oder auch nicht. Jedenfalls werde ich wahrscheinlich ein paar Kilogramm zunehmen. Und mir schwören, die nach Silvester wieder loszuwerden. Wir werden uns sagen, siehste, morgen ist Weihnachten auch schon wieder vorbei und das Geschenkpapier schon mal in die Altpapiertonne werfen und dabei den Gassigehnachbarn treffen, der erzählen wird, dass seine Frau voll wie Amtsmann sei und wahrscheinlich frage ich mich dann wieder, wer dieser Amtsmann eigentlich ist und überhaupt, warum sind so viele Menschen an Feiertagen so Scheiße besoffen, ich bin das nie und trotzdem ist mir kotzig, wie assi denke ich eigentlich gerade??

Die Gedanken fallen durch meinen Kopf in meinen Bauch hinein, als ich im Supermarkt vor dem Süßigkeitenregal stehe und neben mir ein Kind zu einer Erwachsenen sagt, dass das unfair ist, dass die Sommerferien schon vorbei sind. Die Erwachsene erwidert, „unfair“ sei doch nicht das richtige Wort dafür und da klinkt sich mein Gehör auch schon wieder aus. Ich weiß: Sobald die Schule in allen Bundesländern wieder los geht, gibt´s Lebkuchen bei Aldi. Dann is´vorbei mit lustig.

Ich gehe zum Obst, kaufe eine Wassermelone und zwinge mein Gehirn dazu, im Sommer zu bleiben:

Denk an Wassermelonengeschmack. Denk an Kerne im Mund, die auf die Wiese gespuckt werden. Denk an Wasserfall, Regendusche, schwimmen im Fluss, Fische, Fischstäbchen, Kartoffelpürree, Kastanienmännchen, bunte Blätter. Nein, noch nicht in den Herbst gehen! Schön weiter im Sommer bleiben! Also: Fluss, Fische, mit den Zehen wackeln, Luftmatratze, Wasserpistole, Planschbecken, Albernheiten, Kinderquatsch, kleine Schwester, große Schwester. Nein, Stopp!! Im heutigen Sommer bleiben! Nicht ins Gestern grübeln.

Gut!

Luftmatratze, Wellenschaukeln, Schmetterlinge, Schwanenküken, Reiher, Möwenschreien, Sand auf den Beinen, Zeltplatz, Gaskocher, Mückenstich, Sternenhimmel, Sehnsucht, Sternschnuppe, im Gras liegen, Grillenzirpen….

(wunderbar… ich kann mich jetzt ganz leise zur Seite schleichen und mein Gehirn weiter machen lassen… zauberhafte Gedankenassoziationsketten…. funktionieren einwandfrei… braaaave Synapsen, ganz fein seid ihr, schööööön macht ihr das!)

Während mein Gehirn mir den Sommer zurückholt, rollt sich in meinem Bauch etwas Kleines im Duft frischer Printen ein und weint doch noch ein bisschen.

Ist okay.

Ich schau mal, wo ich gleich noch ein Calippo herkriege. Oder ein Ed von Schleck. Gibt´s das heute überhaupt noch? Ich erinnere mich, wie ich damals im Freibad immer… das war 1987 oder so…

 

 

 

ich ergebe mich. nicht.

Beim Komposter treffe ich meine Gartennachbarin Tina. Sie steht auf der anderen Seite des niedrigen Holzzauns und schnippelt eifrig Strauchschnitt klein. Wir lächeln uns zur Begrüßung an.

„Na?“

„Na! Wie geht´s so?“

„Ganz gut. Heute wurde die Wasseruhr abgelesen und ich war endlich mal rechtzeitig da, um die Gartenpforte aufzuschließen.“

„Vorbildlich, Tina, sehr vorbildlich!“

Ich strecke zur Betonung meines Komplimentes den Daumen in die Höhe. Tina grinst breit.

In meiner linken Hand halte ich den jämmerlichen, schleimigen Rest einer schneckenzerfressenen Zucchini.

„Und, was machst du so?“, fragt Tina fröhlich.

Ich halte ihr schweigend den grünen Gemüsematsch entgegen.

Sie schaut betroffen. Kurz zumindest.

„Etwa aus dem Hochbeet?“

Ich fahre ein wenig aus der Haut: „Nein, natürlich nicht! Sonst würde meine Zucchini doch jetzt ein bisschen anders aussehen, oder was meinst du??“

Tina nickt still und unterdrückt ein Grinsen.

Ich werfe den Beweis meiner Unterlegenheit gegenüber den Mollusken resigniert auf den Komposthaufen. Ich hätte den Schnecken natürlich auch noch diesen Rest zum Mittagessen lassen können, aber es geht ja wohl auch um´s Prinzip! Man muss sich seine Macht doch zurückerobern, oder nicht?!

Eine kleine Gedenkminute verstreicht.

Dann sage ich: „Nächstes Jahr kommen die Zucchinis wieder ins Hochbeet. Es war nur ein Versuch, sie unten zu säen.“

Tina lächelt milde und schließt kurz die Augen. Dann macht sie ein freundliches „Hmhm“ und nickt.

„Jaaaa, ein Versuch. Ein dummer, naiver Versuch. Ich ergebe mich der Hoheit der schleimigen Gefräßigkeit und esse dann heute eben keine überbackene Zucchini. Glücklicherweise wurden mir ja noch Kartoffeln und Bohnenkraut übriggelassen, außerdem in einer Geste unbeschreiblicher Großzügigkeit ein Haufen Giersch und Brennesseln.“

„Klingt gesund!“, murmelt Tina und wirft die letzten Blätter ihres Strauchschnitts auf ihren Komposthaufen.

Mich juckt´s.

In den letzten paar Gesprächsminuten wurden mir sieben neue Mückenstiche zuteil.

Ich schiele auf die zwei Regentonnen. Die ohne Deckel.

Ich weiß.

Ich weiß es ganz genau.

Ich schließe die Augen.

Im Garten lernt man echt immer wieder dazu. Ob man will, oder nicht.

durch die Angst

Das, was nach der Angst kommt, ist Liebe.

Eine tiefe Ruhe, die dich umarmt.

Mag sein, da ist auch Leere. Mag sein, da ist ein Teilzeitsterben.

Aber wenn die Angst vorbei ist, bist du herzverbunden.

Wenn du gesprungen bist, durch die Vision einer grauenhaften Höhe, hinein in eine unvorstellbare, tragende Leichtigkeit…

Wenn du zwischen verkrampften Lippen ein „Ja“ herausgepresst hast, das schweißnass über dein Kinn perlt und schließlich Zukunft macht…

Wenn ein „Nein“ aus deinem schmerzerfüllten Bauch den Hals hinaufrollt und endlich das eiskalte Schweigen schonungslos zerschmettert…

Wenn du losgegangen bist, über wacklige Stege, matschige Pfade, bröckelige Stufen und die erwachten Beine tragen, weil der Weg und die Zeit richtig sind…

Wenn du in einer lebensnotwendigen Vollbremsung stehengeblieben bist, bevor dich der Lauf der Dinge vor die Wand brettern konnte…

Wenn du die pochenden, blindgeschlossenen Augen einem „Jetzt“ geöffnet hast, das du zuvor nur ahntest und erfühltest, nun aber erkennen und gestalten kannst…

Wenn du etwas Neues probierst, obwohl es so überwältigend anders ist, dass du stolperst und erschrickst und vergisst und Fehler machst und dabei zum Kind wirst, das trotzdem tut…

Wenn du aufhörst mit immergewesenem Altem, das dich steuerte, bewegte, blockierte, zensierte und von dir weg veränderte und wenn du es aushältst, dass da erst mal kein Ersatz zu finden ist…

Wenn du singst, auch wenn du klingst wie ein geschlagenes Metallrohr, wenn du tanzt, auch wenn du es nicht kannst, so wie die anderen- dann stellst du dich deinem Leben vor…

Das, was nach der Angst kommt, bist Du.

 

 

 

 

summsumm

Weil ich keine fliegende Biene bin, gehe ich heute mit dreckigen Füßen ins Bett, weil ich nämlich viel zu müde bin, um mich zu waschen. Mir doch egal. Nur die Harten kommen aus dem Garten.

DSCF0850
©lingufaktur