langersehnt

Sie liegt im hochgewachsenen Gras. Über ihr lacht ein wunderbarer, freier, wolkenloser Himmel. Die Sonne scheint heiß auf ihre nackte Haut., ein paar Ameisen krabbeln über Zehen und Fingerspitzen. Der Badeanzug trocknet langsam vom Schwimmen im Fluss. Ihre Körperoberfläche fühlt sich angenehm fest an. Weiter innen ist es weich und entspannt. Sie schließt die Augen. Sie atmet ruhig und tief. Ihre Hände legt sie auf ihren Bauch. Sommerzauber.

Vor einigen Wochen saß sie noch auf einem harten Küchenstuhl in ihrer Wohnung. Der Kaffee vor ihr auf dem Tisch war kalt geworden und eine überreife Banane lag halb angegessen daneben. Es roch nach Sinnlosigkeit. Die Kälte war unaushaltbar geworden. Jene Kälte, die sich tief in ihr verborgen festgefressen hatte. Scheinbar durch nichts zu vertreiben, durch nichts zu erwärmen. Sie wusste nicht, was passiert war, dass sie sich so fühlen musste. Fremd mit sich selbst saß sie in ihrem erstarrten Zuhause, das sich von ihr entfernt hatte. Ratlos, sprachlos, bewegungslos. Nutzlos? Draußen der Frühling, drinnen ein hartnäckiger Winter. Lebenspause.

Ein paar harte Gräserhalme stechen sie in den Rücken. Sie wendet sich ein Stück zur Seite und beobachtet einen kleinen Käfer auf einem Gänseblümchen. Unfassbar, wie sich das Leben verändert hat. Wie sich alles weiter verändern wird. Sie hat keine Angst. Sie ist dankbar. Für den Lauf der Dinge. Endlich! Endlich!

Langsam setzt sie sich auf. Am Fluss sitzt ihre Liebste und lässt die Beine im Wasser baumeln. Der Zauber ist so überwältigend, dass ihr Tränen in die Augen steigen. Beide Hände umfassen den Bauch, das Gesicht öffnet sich weit und strahlend. Da ist sie und da ist die andere und inmitten ist der Zauber. Wie konnte es jemals anders gewesen sein?

„Schatz,“ ruft sie befreit, im hohen Gras, im Sommer, weit weg von Kälte und Härte, „es hat sich bewegt!“

Stille Wasser sind tief

Ich finde es so zauberhaft, wenn am frühen Abend die Mücken auf der Wasseroberfläche des Teichs tanzen. Ich liebe das Glitzern, freue mich über jeden Libellenbesuch. Sitze am Rand der kleinen Teichwanne und warte auf das Erblühen der Seerose. Untergehende Sonne, barfuß und kurzärmelig, Rhabarberschorle, Glutknistern und Gartenparadies. Du kleiner, wunderbarer, naturschöner Teich, du!

Warum zur Hölle musstest du diesen schlammigen Grund offenbaren? Diesen Sumpf der Abscheulichkeit, mit langen weißen Würmern und Glibber und Schleim und Igittpfuiteufel? Ich wollte doch mit dem Kescher nur schnell den Kronkorken herausfischen. Er war beim Öffnen der Rhabarberschorle ins Wasser gefallen und auf den Boden gesunken. Was ich von dort zu Tage förderte, entlockte mir den ehrlichsten „Uuuuäääähh“-Schrei der letzten 20 Jahre.

Merke: Stille Wasser sind tief. Und: Oberflächlichkeit ist nicht immer schlecht. Zumindest was die Beziehung zwischen mir und meinem Teich angeht.

 

 

überhitzt

Ich sehe dich von meinem Platz unter dem Apfelbaum. Du ziehst die Gardine zur Seite, öffnest das Fenster weit und schaltest deinen alten Kassettenrecorder ein. Bis zu mir herüber schallt ein „Gute-Laune-Mix“ aus den 90er Jahren. Ich lehne mich an den Baumstamm und lächle. Saturday Night.

Du tanzt beim Aufräumen. Ich glaube, du weißt, dass ich dich beobachte. Aber du tust so, als seist du ahnungslos. Zwischendurch pfeifst du ein paar Töne mit. Ich denke bei deinem Anblick plötzlich an einen großen, bunten Eisbecher, den ich vor 20 Jahren mal in der besten Eisdiele der Welt gegessen habe. Absoluter Genuss und nullkommanull Reue. Geschmolzene Rinnsale, die vom Kinn ins Dekolleté tropfen. Die Sonne scheint sommerwarm und ich will einen Kuss. Mindestens.

Als ich vor dem offenen Fenster stehe und einen Dreivierteltakt gegen den Rahmen klopfe, stoppst du in einer schwungvollen Drehung und blickst mich überrascht an. Dann grinst du verschmitzt. Es ist wirklich unfassbar warm heute. Du hast die schönsten Oberarme des Universums. Meine Fingerspitzen kribbeln. Du ziehst die Augenbrauen hoch und beißt dir leicht auf die Unterlippe. Die Kassette wechselt von „Whigfield“ zu „Salt ´n´Pepa“: Let´s talk about sex.

Das Lachen platzt heftig aus uns beiden heraus.

Timing ist doch das A und O.

Heute bleibt´s beim Aufräumen.

Tschüss, Janosch!

Ich bin traurig. Janosch* ist gestorben. Ich weiß, dass der Tod zum Leben gehört und umgekehrt. Trotzdem wünschte ich, liebevolle Lebewesen könnten ewig bleiben. Und zwar auch so, dass man sie anfassen und mit den Augen anschauen kann.

Wenn ich daran denke, wie diese Geschichte mit Janosch* abgelaufen ist, spüre ich Be-Wunderung. Es ist doch immer wieder spannend, berührend und in sich stimmig, wie wann und wo welche Tiere und Menschen einander begegnen. Ich bin dankbar.

Janoschs* Familie hätte ich ohne seinen seltsamen Ausflug bis in meine direkte Nachbarschaft vermutlich nicht kennengelernt. Demnächst werde ich sie noch mal besuchen- und Janoschs* Grab im Garten natürlich auch.

Während ich dies schreibe, legt sich meine Katze quer über meinen Bauch. Ich komme kaum noch an die Tastatur. Ja, Du weises Tier, Du hast Recht: Auch die Lebendigen sollte man nicht vergessen. 🙂

 

Im Fluss

Beide Füße in kaltem Flusswasser. Es schwappt und schmeichelt und lockt und ich will hinein, hinein! Jede Faser meines Körpers will genau so umfangen sein: Kühl, weich, ganz und gar, unaussprechlich energetisiert, geschützt durch einen lodernden Kern.

Die Zehen verschwinden im Sand. Ich könnte weinen vor Glück. Die winterharte Kruste aus Warten und Haushalten löst sich von meiner Haut. Ich möchte zerspringen, ohne mich zu ängstigen. Einswerden mit dem Sonnenlicht, verbunden mit Allem, raus aus der Menschenhülle und schwimmen. Mein Herz schlägt in meinen Flanken. Ich denke an Ronja Räubertochters Frühlingsschrei und greife mit beiden Händen ins Wasser.

Zwischen den Fingern fließt das Aufgefangene wieder zurück zur Erde.

Ich spüre mich.

Ein Moment der Vollkommenheit.