Elke

Ich sitze auf dem Rücksitz eines alten, pinkfarbenen Fiat Panda und klammere mich ängstlich am Haltegriff fest. Die Hinterräder rumpeln über die Bordsteinkante, jemand hinter uns hupt und Elke lacht, als sie quietschvergnügt die Einbahnstraße falsch herum befährt.

In 5 Minuten kommt mein Zug und Elke ist optimistisch. „Klar sind wir pünktlich!“, ruft sie und streift mit dem Außenspiegel beinahe eine Mülltonne. „Du fährst ganz schön- ähm, egozentrisch!“, bemerke ich. „Ach was,“ lacht sie, streckt den faltigen Hals und grinst mich im Rückspiegel an. „Über 40 Jahre un-fall-frei!“ triumphiert sie und trommelt beschwingt mit den Händen auf´s Lenkrad. „Da haben die anderen Verkehrsteilnehmer ganze Arbeit beim defensiven Fahren geleistet“, denke ich und verkneife mir seufzend jeden Kommentar.

Wir kommen auf den letzten Drücker am Bahnhof an.

Elke umarmt mich fester, als erwartet. Ihre schlanken, aber kräftigen Arme drücken meinen nassgeschwitzten Rücken und ich halte einen Moment die Luft an. Als der Zug einfährt, kitzeln ihre feinen, strohigen Locken mein Gesicht und ich muss beinahe husten. Wenn mir nicht zeitgleich die Tränen kämen. Ich wünschte, ich könnte bleiben. Ich wünschte, ich könnte das hier festhalten.

Als mir Elke das erste Mal begegnete, lag ich im Bett und konnte nur mit Mühe die Augen offenhalten. Es klopfte lautstark an der Tür und herein kam die bestgelaunteste Krankenschwester, die ich je erlebt hatte. Sie war freundlich und zog die Vorhänge zur Seite, kippte das Fenster, brachte neues Wasser und Medikamente und erzählte irgendwas über die unheimlich mobilisierende Kraft der „Fünf Tibeter“. Sie ging mir furchtbar auf die Nerven. Denn ich war krank. Und schwach. Und müde. Vor allem müde.

Elke kam wieder. Immer wenn sie Dienst hatte, erschien sie in meinem Zimmer, fragte nach meinem Befinden, tobte mit ihrer Energie durch den Raum und hinterließ mich einigermaßen atemlos. Ich fühlte mich, als hätte mich ein Lebensfreudetornado ein Mal auf links gekrempelt und dann wie ein zerrupftes Huhn zurückgelassen. Ich war so erschöpft.

Elke blieb hartnäckig. Bis ich schließlich mit zitternden Knien, frierend, muskelschwach und angesäuert hinter ihr auf einem Feldweg stand. Ihr zuliebe. Beziehungsweise: Aus Deeskalationsgründen. Hätte ich mich länger geweigert, mit ihr spazieren zu gehen, hätte sie mich wahrscheinlich eigenhändig aus dem Bett gerollt. Also trottete ich bei äußerst ungemütlichem Wetter wie ein kleines, nörgelndes Kind hinter ihr her und wurde gesund, ohne es zu bemerken. Ich fragte mich, wie sie in ihrem Alter so zügig unterwegs sein konnte. Mit den Beinen und dem Kopf.

Heute weiß ich: Es sind die „Fünf Tibeter“. Und die Neugier auf´s Leben. Die Hoffnung. Die Unbezähmbarkeit. Die Wildheit, die um ihr zartes Herz tobt und so viel will. Die Stärke, mit der sie ihre Geschichte angenommen hat. Die Lust, auf den höchsten Wolkenkratzer zu steigen und sich von keiner Angst der Welt von irgendwas abhalten zu lassen. Der Humor, die Gelassenheit und das Bewusstsein, dass das Leben in jedem Fall zu kurz sein wird.

All das und ihre kindliche Unbeschwertheit haben mich damals, mit meinen 22 Jahren, sehr alt aussehen lassen neben ihr, dem verrückten Grauschopf.

Auf dem Bahnsteig bewundere ich, dass sie noch genau so jung ist, obwohl inzwischen fast 10 Jahre vergangen sind. Ich kann Elke nicht so oft sehen, wie ich möchte. Genauer gesagt: Ich weiß, dass es wohl das einzige Wiedersehen bleiben wird. Der Abschied tut weh. Ich denke an das Sterben. An ihr Sterben. Immerhin ist sie alt. Ich höre, was sie mit verschmitztem Grinsen dazu sagen würde: „Bist du sicher, dass ich deshalb früher dran bin, als du?“ Nichts ist in Stein gemeißelt. Ich weiß.

Sie gibt mir einen Kuss auf die Wange. Ich steige in den Zug. Bevor sich die Türen schließen, rufe ich noch etwas. Sie hört es nicht mehr oder stellt sich taub. Schlaues Weibsbild, du.

Wir fahren zeitgleich los. Ihr pinkfarbener Fiat Panda streift eine Straßenlaterne und am liebsten würde ich gegen die Fensterscheibe hämmern.

Ich vermute, Elke wird 120 Jahre alt werden.

Zuhause kaufe ich mir ein Buch über die „Fünf Tibeter“.

Wäre doch gelacht…

fiat_panda_pink

 

 

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