aphrodisiert

Ich möchte fliegen. Irgendwas in mir verbreitet emotionalen Schabernack.

Ich habe mir letztens eine beinahe puffrote Kerze gekauft und stelle sie nun auf den Tisch. Feierlich-entrückt zelebriere ich den Streichholz-Ratscher. Kleine schwarze Rußwölkchen verpuffen sich nach oben. Ich schaue hinterher. Da muss ich hin. Da ist oben.

Im Garten landet ein großer Eichelhäher auf der Wäscheleine. Seine Federn leuchten braun und weiß und spektakulär blau. Einen kurzen Moment fühle ich mich durch die Fensterscheibe hindurch von ihm fixiert. Was will er denn? Oder will ich etwas? Seine Augen sind klein, aber sein Blick ist überdimensional. Zwischen uns passiert etwas. Dann bewegt er seine Flügel und verschwindet zwischen Apfelbaum und Gartengestrüpp. So einfach ist das. Gucken, Eindruck hinterlassen und Tschüssikowski. Fliegend gelingt das Tausendmal besser, als angeschossen humpelnd. Ich bin neidisch.

Das Kerzenlicht flackert. Ich hocke dicht vor der verboten lockenden Flamme und schnaube mit weiten Nasenlöchern meinen Nervenkitzel gegen sie. Der Ruß landet beinahe auf der Tapete. Was wäre, wenn ich einfach das Haus in Brand setzen würde? Eine katastrophale Gasexplosion und ich fliege in die Luft. „Einmal Apocalypse mit alles, bitteschön.“ Es regnet Stühle, Tische und Haustiere. Action, ich brauche Action! Wohin mit mir?

Dumme Gedanken erfordern sinnvolle Maßnahmen. Also stolpere ich zur Kaffeemaschine und fülle alles in den Filter, was an Koffein noch auffindbar ist. Ich trinke niemals Kaffee. Jetzt will ich aber, verdammichnocheins.

Fliegen-Können wäre nicht übel. Wetten, ich finde noch etwas, das so ähnlich ist?

Ich schaue aus dem Fenster. Der Kaffee ist so stark geworden, dass er sich in meinem Magen anfühlt, als würde er mein Gewebe auffressen und gleichzeitig frittieren. Draußen legt sich der Wintersprühregen in die Dunkelheit. Oben leuchtet etwas, das der Mond sein müsste. Die Uhr tickt.

Ich lächle. Eben habe ich etwas Vielversprechendes gehört.

Eine warme Hand legt sich in meinen Nacken.

Ich grinse.

Mein Herz klopft sich Richtung Explosionsgefahr, die Härchen auf meinen Armen richten sich kunterbunt verfärbt auf und in meinem Bauch beginnt eine Flamme zu lodern.

Dann geht alles erleichternd schnell.

Ich puste die Kerze aus und greife nach der vertrauten Hand.

Mit ihr kann ich fliegen.

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