Sie und Hannes

Es sind nicht besonders viele Dinge, die sie bis heute mitgenommen hat durch ihr Leben. Kinderfotos, uralte Kuscheltiere, Souvenirs, Steine aus irgendeinem Urlaub, sentimentale Briefe, Postkarten der ersten großen Liebe- all das befindet sich nicht mehr in ihrem Besitz. Oft ist sie traurig darüber. Es fehlt dann etwas Greifbares, das ihr zeigt: „Du existierst wirklich. Du hast eine Geschichte.“

In ihrem Leben gab es einige Verluste. Der Schlimmste war vermutlich ihr eigener. Auf halber Strecker, irgendwo zwischen Jugendlichsein und Erwachsenwerden, brach etwas in ihr. Es wurde holperig. Drogen, Psychose, Obdachlosigkeit. Einsamkeit inmitten der Fußgängerzone, der Szenekumpels und Hallunzinationen. Ihr Glück war unter anderem ihr freundliches Lachen. Ihre Überlebenskunst. Ihre Fähigkeit, aus Nichts ein kleines Schloss zu bauen. Mindestens emotional, aber durchaus auch praktisch. McGyver in weiblich.

Es gab keine schnörkelige Schatzkiste, die sie mit sich herumtragen konnte. Auf der Straße hast Du einen Rucksack, im Idealfall bringst Du ein paar Habseligkeiten bei Freunden oder sonstwo unter, bis Du eine Wohnung gefunden hast. Wenn Du eine Wohnung finden willst. Oder jemand Dir die Miete finanziert. Wenn Du nicht gerade in der Akutpsychiatrie untergebracht bist, weil Du von einer Brücke springen wolltest.

Zu den kleinen Habseligkeiten von früher, die bis heute überlebt haben, gehören unter anderem ein paar Schallplatten.

Ich stehe ein paar Schritte von ihr entfernt und sehe, wie sie eine bestimmte Schallplatte aus dem Rucksack zieht. In meinem Bauch zwickt es plötzlich, weil meine Liebe buchstäblich überschwappt. Mein Blick auf sie, die so schön und stark und wunderbar durch das Leben geht und sich so mutig wiedergefunden hat, ist voller Bewunderung. Eine herzliche, besondere, lustige und drogenfreie Frau ist sie inzwischen- und ich bin stolz, dass sie bei mir ist. Dass wir zusammen darauf achten, nichts mehr zu verlieren, was wirklich wichtig ist.

Die Schallplatte in ihrer einen Hand und der Stift in der anderen, ein kurzes, aufgeregtes Gespräch mit dem Mann gegenüber und schließlich eine Unterschrift. Händeschütteln. Sie kommt strahlend auf mich zu und zeigt mir ihren Schatz.

Hannes Wader hat die Schallplatte unterschrieben.

Wenn er wüsste, durch welche persönlichen Kriegsgebiete sie hindurchgetragen wurde.

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©lingufaktur

 

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