Höhlenmädchen

Sie sitzt in einer winzigen Höhle. Es ist gerade genug Platz, um eine hockende Sitzposition einzunehmen. Von oben tropft irgendetwas Feuchtes auf ihren Kopf. Sie starrt durch ein schmales Loch hindurch ins Freie. Blätter sind dort, Licht, Erde, Boden und irgendjemand läuft immer wieder vor ihrer Höhle auf und ab. Sie sieht Beine, die in einer dunklen Hose stecken. Ein Gemurmel, ein paar Worte, fremde Laute, alles völlig unverständlich. Sie friert. Aber sie bleibt dort, wo sie ist. Wo soll sie auch sonst hin? Sie muss hier sein.

Ich gehe immer wieder an diesem Eingangsloch vorbei. Ich weiß, dass sie da drin ist. Ich wünschte, sie käme heraus. Das Wetter wird immer ungemütlicher und mein Magen knurrt. Was kann ich noch tun, um sie zu erreichen? Vermutlich sitzt sie dort in ihrer Höhle innerlich verschnürt und äußerlich zusammengefaltet. Soll ich sie lassen? Hört sie mich überhaupt? Hey, gib mir doch wenigstens ein Zeichen, dass du mich verstehst!

Sie schließt ihre brennenden Augen. Es ist zu viel. Das Leben da draußen vor ihrem Versteck ist viel zu viel. Hoffentlich sind die Beine bald verschwunden, denkt sie. Es macht sie nervös, der Mensch aus dieser anderen Welt macht sie so schrecklich nervös. Weggehen soll dieses Beinwesen, bloß endlich weggehen. Ihre Haare sind nass und es riecht nach modriger Blättererde. Hier wird sie bleiben an diesem Tag und in dieser Nacht. Sie ist einfach nicht da. In ihrer Höhle ist das Nirgendwo, ohne Zeit und ohne Selbstsein.

Ich weiß nicht mehr weiter. Mir laufen die Tränen über die Wangen. Ich fühle mich schrecklich hilflos. Welche Sprache soll ich sprechen, damit sie mich versteht? Sie kann doch da drin nicht einfach bleiben. Es ist ein schöner Tag. Auch auf die Hagebuttenzweige, die ich vor den Höhleneingang gelegt habe, hat sie nicht reagiert. Am liebsten würde ich eine Torte dort hinstellen und Luftballons für sie aufhängen. Aber ich glaube, so etwas macht ihr Angst. Ich setze mich auf eine Baumwurzel und versuche, eine Bewegung zu erkennen, einen Atemzug zu hören, irgendein Lebenszeichen auszumachen. Ich beginne zu summen. Nicht für sie, sondern für mich. Zur Beruhigung.

Sie öffnet die Augen. Das Beinwesen macht Geräusche. Die Laute vibrieren in ihrem Gehörgang und breiten sich in ihrem Kopf aus. Sie will nicht. Sie will gar nichts. Sie will alles nicht. Nur nicht existieren. Heute holen sie die Geister und Dämonen. Auch in ihrer Höhle werden sie sie finden. Das Beinwesen soll verschwinden. Es ist nicht aus ihrer Welt. In ihrer Welt leben die Toten und die Lebenden sind tot. Niemals wird das jemand verstehen, der dort draußen, vor ihrer Höhle, atmet. Vorsichtig drückt sie den Rücken gegen die Höhlenwand und spannt die Oberschenkel an. Es rollt etwas aus ihrem Bauch nach oben in den Hals. Nicht schreien. Jetzt bloß nicht schreien!

Ich mag nicht mehr so tatenlos herumsitzen. Nicht mal ein Feuerzeug habe ich dabei. Ein Lagerfeuer wäre jetzt gut zum Aufwärmen und Erhellen. Es dämmert schon ein bisschen. Ich schaue noch mal zum Höhleneingang. Bitte, bitte lass mich nicht allein! Bitte komm heraus und geh mit mir nach Hause! Ich mache dir warmen Tee. Es warten Geschenke auf dich. Du wirst geliebt, weißt du das eigentlich? Ich trete einen kleinen Stein zur Seite. Wieder kommen mir die Tränen.

Der Schrei ist in ihrem Kopf explodiert. Nichts davon war außen zu hören. Nun ist es still in ihr. Die Geister und Dämonen werden sie holen. Sie muss nur warten. Ein bisschen noch. Es gibt keinen anderen Grund für sie. Sie ist hier an diesem Ort, weil sie wartet. Draußen raschelt etwas. Das Beinwesen kommt näher zum Höhleneingang. Sie hält den Atem an. Nein, denkt sie, du bist die Falsche! Nicht du wirst mich holen, sondern die anderen. Du gehörst nicht hier hin! Die Beine verschwinden plötzlich. Sind sie ganz weg? Ihr Herz klopft heftig gegen ihre Brust. Der Mensch ist weggegangen. Oder?

Ich stehe nun dicht vor ihr und spüre beinahe ihren Puls. So nah bin ich ihr noch nie gekommen. Ich werde es versuchen, jetzt. Ich atme tief durch und beuge mich langsam herunter, strecke meine Hände zum Höhleneingang. Und dann tue ich es.

Sie sieht Hände auf sich zukommen. Ganz langsam schieben sie sich in ihr Blickfeld. Es gibt keine Worte dazu, die sie eh nicht verstehen würde. Die Hände formen etwas. Es ist ein Zeichen. Ein Zeichen ohne fremde Sprache. Sie weiß, was das bedeutet. Dämonen und Geister zeigen so etwas nicht. Sie drückt den Rücken durch. Das Beinwesen da draußen wartet.

Beide warten.

Beide atmen.

Beide sind für einen kurzen Moment im gleichen Jetzt.

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