(M)ein Kind

Weine, mein Kind. Öffne die Augen und lass den Druck aus deinem Kopf in meine Sichtbarkeit fließen.

Weine, und lege deine faustverkrampfte Hand auf meine empfangsbereiten Finger. Ich nehme auf, was dich in Stücke reißt, damit du dich nicht mehr zerteilen musst.

Du darfst dich leben, mein Kind. Du darfst!

Du darfst! Mit deinem ganzen Schmerz und dem wortlosen Entsetzen, dass deine Seelenhaut bis auf das Knochengerüst zerfressen hat. Heute musst du nicht mehr erwachsenschön sein, nicht brav, gefügig oder fremdbefüllbar. Heute kannst du sein, was du früher im Verborgenen immer warst.

Atme, mein Kind, atme! Die Luft gehört dir, im ganzen Überfluss. Du darfst sie aufsaugen, mit Nase und Mund, darfst alles nehmen, was du kriegen kannst und musst sie nicht mehr einteilen.

Mein Kind, es ist genug für dich da. Heute reicht die Luft zu mehr, als nur zum Überleben. Mit offener Brust darfst du dich beatmen, darfst ausspucken und jede Zelle in deinem Körper immer wieder neu erfrischen.

Schrei, mein Kind, solange, bis du dich von selbst in die Ruhe hineinlegen kannst.

Ich halte deinen erwachsengequälten Kopf in meinen Händen, stütze das Gewicht und lasse mein Herz in deinem Bauch tönen.

Während du mir den wortlosen Schrecken ins Gesicht schreist, zischt dein Atem an meinen Wangen entlang. So ist es gut, mein Kind. Wer auf diese Welt kommt, muss die Lungen entfalten. Bring dich raus aus dir, mein Kind.

Heute ist anders, Kleines, heute ist anders! Du kannst es noch nicht wissen, weil dein Gestern noch nicht beendet ist. Aber du wirst es spüren, wenn du dich herausgefühlt hast aus dem Schrecken.

Deine Tränen schimmern wie Murmeln im Licht. Einen Tropfen fange ich vorsichtig mit meinen Fingern auf. Lebensnotwendig sind sie, denke ich. Diese Tränen sind überlebenswichtig. Früher durften sie nicht sein. Früher hätten sie dich getötet, mein Kind. Aber heute nicht, heute ernähren sie dich.

Dein gefühlserhitzter Körper gleitet an meinen Armen entlang auf den Boden und kauert sich zu einer Menschenkugel in meinem Schoß zusammen. Deine Augenlider flattern. Du bist müde, mein Kind, das kann ich sehen. Du darfst dich schlafen lassen. Du bist schon seit Jahrzehnten furchtbar müde. Keine Ruhe, keine Erholung. Keine Schonung.

Du liegst nun bei mir, mein Kind. Dein Schrei hallt in meinen Ohren. Meine Hände fühlen noch das Beben deiner Schultern. Deine Tränen haben mein Herz durchnässt. Ich halte dich, Liebes. Ich halte dich aus, halte dich bei mir und in mir. Für jetzt ist es gut.

Wenn du dich aus dem Gestern ins Heute hineinfühlst, bin ich da. Mach dir keine Sorgen, mein Kind, du bist nicht zu schwer. Ich kann dich sehen und tragen, gehe jeden Schritt mit dir.

Ich bin nicht allein mit dir, mein Kind.

Hinter mir, im unsichtbaren Inneren, steht noch jemand, dessen beschütztes Kind ich bin.

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