Wunderzeichen

„Es geschehen doch noch Zeichen, über die man sich wundert!“, sagt sie und hält sich an seinem ausgestreckten Arm fest. Es wackelt bedrohlich unter ihr, aber sie findet immer wieder ihre Balance und tänzelt über den Balken. „Jaja, das ist wohl so“, antwortet er „Und jetzt spring schon ab!“. Er bleibt stehen und windet sich behutsam aus ihrem Griff. Eine Hand legt er ermutigend auf ihre Schulter.

„Oh, du weißt, die Zeichen bleiben doch nie die gleichen!“, trällert sie mit schiefen Tönen. Sie macht sich bereit für den Absprung und spannt ihre Beinmuskeln an. Noch nie ist er einer Frau begegnet, die so herzlich gerne schräg singt. Und dann noch diese Hose… Ihre unfassbar bunte Hose. Irgendwann werde ich blind davon, denkt er und schmunzelt.

„Und wie wunderst du dich heute, mein Freund?“ Sie sieht ihn aufmerksam an. Ihre Augen sind ständig in Bewegung und haben keine Farbe. Keine einzelne zumindest. Sie sind gesprenkelt und schattiert und leuchten manchmal wie diese schwarzen Glitzersteine in der Sonne. „Mein Bedarf an Überraschungen ist gedeckt! Jetzt hüpf los, du verrücktes Wesen!“ Er grinst und zieht ein bisschen an ihrer Schulter. Sie gerät ins Wanken und stößt ein empörtes Prusten aus. „Ich springe, wenn ich fühle, dass ich springen möchte!“, sagt sie mit zusammengezogener Stirnfalte. „Und jetzt verrate mir mal, wie man genug von Wundern haben kann!“ Sie zupft an ihrer kunterbunten Hose.

„Ach, mir ist es lieber, wenn alles in ruhigen Bahnen läuft!“, murmelt er. Gleichzeitig schweift sein Blick über den angrenzenden Waldstreifen. Manchmal ist sie anstrengend, seine wirbelhafte Freundin. Er kann nicht immer mithalten mit ihrem hohen Lebenstempo. Trotzdem bleiben sie zusammen, auf einer unsichtbaren gemeinsamen Spur.

„Die ruhigen Bahnen, die kannst du haben, wenn du tot bist!“, ruft sie laut aus. Dann schüttelt sie seine Hand von ihrer Schulter ab, breitet die Arme aus und springt vom Balken. Es sind nur wenige Zentimeter. Aber sie hüpft begeistert und stolz herum, nachdem sie gelandet ist. „Ich bin gesprungen! Jahaaa!“

„Aber, du springst doch immer, wenn wir hier sind, von diesem Balken!“ Er betrachtet ihr fröhliches Theater leicht genervt. Die bunte Hose flattert bei jeder Drehung um ihre Beine und er fühlt sich provoziert von dieser Lebendigkeit.

Sie läuft wie jedes Mal zu den Brombeersträuchern. „Pass auf, dass du dich nicht piekst!“, ruft er ihr hinterher.  „Was wäre schlimm daran?“, antwortet sie grinsend und stopft sich eine Handvoll Beeren in den Mund. „Es tut weh und verletzt die Haut, und, meine Güte, schau doch erst mal nach, ob Würmer in den Beeren sind, bevor du sie isst!“ Seine Schritte wirken leicht schlurfend, als er zu ihr zu den Sträuchern geht. „Wunden verheilen doch auch wieder und wenn ich Würmer mitesse, kommen sie auch irgendwann wieder zurück in die Natur!“ Sie hockt nun auf dem feuchten Waldboden. „Deine Hose wird dreckig…“, murmelt er erschöpft. Nein, er kann wirklich nicht mithalten mit ihr.

„Du bist müde, mein Freund! Komm und leg dich zu mir!“ Ihre Augen glänzen bernsteinfarben, als sie den Kopf zur Seite neigt und ihn liebevoll anschaut. In seinem Bauch löst sich etwas Warmes und fließt durch seine Brust in den Rücken. Langsam lässt er sich zu ihr nieder und legt seinen Kopf in ihren Schoß. Er spürt, wie ihre kühlen Hände durch sein Haar streichen. Ihr Brombeergeruch dringt durch jede seiner Hautporen in ihn ein. Sie summt eine Melodie.

„Wie machst du das nur immer, dieses Unbeschwertsein?“, flüstert er. Seine Augen sind mittlerweile so träge, dass jedes Blinzeln anstrengend ist. Deshalb hält er sie geschlossen.

Er atmet ganz ruhig und fühlt ihren Herzschlag am Hinterkopf. Sie lächelt und schweigt. Mit einer Antwort hat er auch gar nicht gerechnet. Stattdessen tönt sie weiter ihre Melodie. „So ähnlich muss es im Mutterleib gewesen sein“, denkt er „Damals, vor dieser Welt….“ Nach den nächsten beiden Atemzügen ist er bereits eingeschlafen.

Als der Balken in Bewegung gerät, reißt er erschrocken die Augen auf. Er streckt schnell beide Arme zur Seite, um wieder das Gleichgewicht zu finden. Die Erschütterung pendelt sich langsam aus und er spürt einen Windhauch unter sich. Als er an sich herabschaut, flattert die bunte Hose an seinen Beinen. Mit brombeerverklebten Händen fährt er sich durch das Gesicht.

„Ich wundere mich“, sagt er zu sich selbst „Ich wundere mich sehr!“

Dann springt er mit einem herzhaften „Jahaaa!“ vom Balken.

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