Zeitenwechsel

Sie schaut in den Spiegel am Waschbecken und fährt mit dem Zeigefinger über die Narbe. Von ihren Haaren tropft das Wasser auf die schmutzigweißen Bodenfliesen.  Ihr Blick verfängt sich in den unruhigen Augen des Spiegelbildes. Die Narbe fühlt sich wulstig und knotig an. „Wer ist die Schönste im ganzen Land, hm? Wer wohl? Du jedenfalls nicht!“ Sie spuckt ins Waschbecken und erkennt sich im zähen Schleim. „Rotze bist Du, nichts als Rotze!

Sie zieht den Kragen ihres T-Shirts etwas nach unten und kratzt diese eine ewigwunde Stelle an ihrem Schlüsselbein. Die Narbe schlängelt sich von der Schläfe über die Wange, den Hals entlang und verläuft sich irgendwo im Nirgendwo des Brustkorbes. Dort, wo ihr Körper aufhört und die Sperrzone beginnt. Ein Wassertropfen rinnt aus ihrem Haar in den Nacken. Woher kommt diese Feuchtigkeit?

Wieso stehst Du hier, du blödes Weib? Was glotzt Du so? Mach, dass Du wegkommst, du dämliche Tussi!“. Die Stimmen rauschen in Sturzbächen durch ihr Inneres. Wohin soll sie gehen, wenn sie nichts weiß vom Jetzt, außerhalb des Waschbeckenradius?

Die Augen im Spiegel flattern wie Schmetterlingsflügel. Ein Blick, ein Flattern, ein Blick, ein neuer Gedanke und ein Tropfen auf der Schulter. Schmetterlingstänze in ihrem Gesicht, als unbegreiflicher Kontrast zur windelweichprügelnden  Hässlichkeit ihrer Narbe. Sie hebt beide Arme über ihren Kopf, hält sie empfangsbereit geöffnet und starrt in das Spiegelglas. „Haha“ lacht es sie aus, „Du bist kein Sterntalermädchen! Dir fällt kein Weltenschatz entgegen, also mach Dich nicht zum Idioten!

Und wenn ich doch etwas bekäme, von oben? Von außen? Von irgendwoher? Wenn ich die Hände nicht öffne, fiele alles daneben, was ich je bekäme.“ Sie steht weiter stumm und erträgt das tosende Rauschen im Inneren.

Die Sperrzone unter ihr entfernt sich vom Waschbecken, doch sie will nicht gehen. Einen Arm lässt sie sinken und greift nach dem Handtuchspender an der Wand. „Lass los, Du Träumerin! Meinst Du, das klapprige Teil hält Dich aus? Nichts hält dich aus, nichts und niemand! Wir tragen Dich fort, auch wenn Dein Schmetterlingsgesicht sich bemüht, in eine andere Richtung zu flattern!

Ihre Augen versuchen, sich in ihrem Angesicht festzukrallen. Weiter dort sein will sie, mit ihrer Narbe verbunden im Jetzt. Hier kann sie sich doch halten, durch eine kaum spürbare Fingerspitze am Brustbein, irgendwo in der Nähe der ewigwunden Stelle. Das Lachen wird lauter, in der  Sperrzone ist die Hölle los und plötzlich fällt ein Schuss.

Eine Tür ist zugefallen.

Die Schmetterlingsflatterei verharrt in einer atemlosen Starre. Nur die Narbe pocht, als hätte man sie mit kochendem Wasser verbrüht. Die Haare sind schlagartig trocken und um sie herum strahlen alle Fliesen jungfräulich weiß.

Hinter ihr steht ein Mensch und starrt in ihr geflüchtetes  Spiegelbild.

Er hebt seine Hand an ihre Schulter und drückt sie vorsichtig. „Was wäre, wenn wir sie bekämen, die Sterntaler?“ fragt er. „Was wäre dann mit dir?

Durch ihr staubiges Haar fährt seine Hand mit der Sicherheit eines weisen Gelehrten. Schon oft hat er das getan. Nie hat sie es gemerkt. Immer war sie bereits verschwunden.

Deine Schmetterlinge sind die Schönsten im ganzen Land“ murmelt er, während er den Spiegel und das Waschbecken hinter sich lässt, um die Toilettentür zu öffnen.

Draußen erwartet ihn Sonnenschein. Die Narbe zieht sich ins Hautnirvana zurück.

Im Sperrgebiet versiegen die Sturzbäche.

Zeitenwechsel.

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