Ulrikes Schrecken

Sie heißt Ulrike, oder kürzer noch: Ulli,

ihr Kind saugt ruhig am Reformhaus-Schnulli.

Sie kauft ihr Obst saisonal-regional nur beim Hof,

und tanzt samstags gern auf Socken beim „Schwoof“.

Sie trägt Wolle, Jute, Hanf und Leinen,

Kommerz, sagt sie, kann sie wirklich nicht leiden.

Dank Henna glänzt ihr hellrotes Haar,

sie speist nur zu gern in der „Suppenbar“.

Beim Yoga gibt´s für sie lauten Applaus:

Sie hält es am längsten im Kopfstand aus.

 

Ullis Körper hat natürlich kein Gramm zu viel,

ein bisschen Askese, das hat wirklich Stil.

Sie wohnt schön im Altbau, im „Shabby-Look“:

Alles auf „retro“, an der Decke noch Stuck,

antike Möbel, irgendwann mal geerbt,

die Wände harmonisch in hellgelb gefärbt.

Dazwischen noch „Expedit“, „Billy“ und Co-

Ikea macht gern auch den Öko froh!

„Dawanda“ und Stoffe und Kräutertöpfchen,

Waldorfpuppen mit lustigen Häkelzöpfchen,

und auf den feng-shui-geprüften Dielen

können die Kinder ganz freiheitlich spielen.

 

Ulrikes Kind, ihre Tochter, die Rita,

geht täglich vergnügt in die „Goldkinder“-Kita

und bastelt und singt und entwickelt sich,

zweisprachig gefördert und königlich.

Die Kleine kriegt Möhrchen und Dinkelbreispeise,

macht mittags ´ne pädagogische Traumwandlerreise,

wird gehegt und gepflegt und voll unterstützt-

auf dass die Frühförderung wirklich was nützt!

 

Ulrike ist freundlich und politisch korrekt

und hat schon so manche Rebellion ausgeheckt:

Gegen Atomkraft, gegen Gewalt und Hartz Vier,

für die Freiheit und für die Rechte vom Tier.

Sie wagt es, auf den Weltfrieden zu hoffen

und ihr Heim, ja, das ist für alle offen.

 

An einem Tag jedoch kam Ulli dann,

bereits mittags bei der Kita an,

ums Kindchen recht frühzeitig abzuholen.

Sie lief sehr gehetzt auf veganen Sohlen.

Sie musste zum Homöopathen um Vierzehn Uhr Zehn,

das Abholen musste jetzt zügig geh´n.

 

Die kleine Rita lief ihr schon entgegen,

vor Schreck konnte Ulli sich nicht mehr bewegen.

Wer war das dort, neben dem Töchterlein,

das konnte doch nur ´ne Verwechslung sein?

Wo war denn die sonstige Spielgefährtin,

Helene-Sophia, die Tochter der Ärztin?!

Das Mädchen, das immer nur Rohkost bekommt-

Ulrike schwankte und stolperte prompt.

 

Das Kind an der Hand ihrer lieblichen Kleinen,

das brachte Ulrike vor Abscheu zum Weinen.

Das Mädchen war dick und roch nach Chemie,

ihre Hose war schmutzig und löchrig am Knie.

Aus ihrem Rucksack ragte ein grellgelber Schopf,

ein wahrhaft verteufelter Barbiepuppenkopf.

 

„Was ist passiert?“, brach´s aus Ulli hervor

„Wir sind jetzt Freunde“, war die Antwort im Chor.

„Das ist Shanice-Lavinia-Chantal,

mit ihr spiel ich jetzt jeden Tag Ball!

Sie hat mir gezeigt, was „Pokemon“ ist

und wie viele Algen so ein „Spongebob“ frisst.

Und hast du geseh´n, ihr knallpinkes Shirt?

Und hast du schon mal von „McDonalds“ gehört?

Und ihre Hose, die find ich so chic,

die will ich jetzt auch, die kauft man bei KIK.“

 

Die kleine Rita plapperte munter,

Ulrike fiel knallhart die Kinnlade runter.

„Also, Rita, jetzt komm, das ist mir zu viel,

so ´ne Freundin, nein, das ist nicht dein Stil!

Wir müssen jetzt los, zum Homöopathen,

du weißt, der soll ja nicht auf uns warten.“

 

Rita schmollte und verabschiedete sich,

wo genau das Problem lag, das begriff sie noch nicht.

Später aber, in fünf bis zehn Jahren,

kann Ulli nicht mehr so dämlich verfahren.

Dann werden Mutter und Tochter sich zoffen,

denn: Ullis Heim ist ja doch nicht für alle offen!

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