verschnupft

Es wäre so schön, wenn es fließen würde: Aus den Nebenhöhlen heraus, damit endlich diese furchtbaren Kopfschmerzen aufhören können; aus den Augen, dem Herzen, dem Gehirn, der Stimme. Stattdessen: Verstopft. Alles dicht in ihr. Irgendwie alt geworden.

Griesgrämig schleicht sie über den spiegelglatten Gehweg zur Apotheke. Rechts und links wurde Salz gestreut, nur direkt vor ihrer Haustür nicht. „Warum bezahle ich immer noch diesen nichtsnutzigen Hausmeisterdienst?“ Einen nicht allzu ausufernden Moment lang denkt sie an den alten Meckerpott, der früher, als sie noch Kind war, neben ihrem Elternhaus wohnte. So pingelig war der. Sobald das erste Herbstblatt in seine Einfahrt fiel, geriet er in Aufruhr. Jeden Tag fegte er mehrfach, türmte Laubhaufen außerhalb seiner Grundstücksgrenze auf, versperrte Eingänge zu seinem Vorgarten mit Brettern. Natürliche Unordnung war sein Feind.

Sie, das Kind von nebenan, liebte den Schabernack, mit ihrer Schwester zusammen heimlich in der Dämmerung die ausgelagerten Blätterhaufen wieder zurück in seine Einfahrt zu werfen….

…Und auf dem Schulweg am nächsten Morgen den Meckerpott dabei zu beobachten, wie er alles wieder sauber und ordentlich zusammenfegte. Im Kampf gegen unsichtbare Windmühlenflügel.

Damals liebte sie Überraschungen wie plötzlichen Schneefall, Hitzefrei, einen Igel auf der Terrasse oder ein geschenktes Eis vom Klassenlehrer. Sie liebte den zugefrorenen Dorfteich, in den sie mit dicken Steinen Löcher zu schlagen versuchte. Liebte Schlittschuhlaufen. Liebte die Stofftaschentücher ihres Großvaters, wenn sie krank war. Liebte den Hund, wenn er sich in den Kuhfladen auf der großen Wiese des Bauern wälzte und stinkend, aber glücklich auf sie zurannte. Liebte ihre Tränen in der traurigen Szene von „Feivel, der Mauswanderer“. Sie liebte es, wenn sie sich fröhlich fühlte und wenn im Bauch ein rasselnder Wutball hüpfte. Es gab Dies und Jenes. Es gab Kinder und es gab Menschen, die keine Kinder mehr waren. Der große Unterschied lag im „Jetzt“.

Damals war der Unterschied wundervoll.

Heute ist sie die Erwachsene, die kämpft.

Gegen Glatteis. Gegen die mangelhafte Mülltrennung der Nachbarn. Gegen Taubenschiss. Gegen unzuverlässige Zeitungsboten. Gegen hartnäckige Bakterien, Viren und alte Gefühle. Gegen Tränen in den Augen und Jammerei. Gegen Entspannung und das, was das Leben mitbringt. Gegen alles, was nicht in ihrer Macht zu liegen scheint.

Sie tippelt langsam, angespannt und vorsichtig über die spiegelglatten Gehwege.

Als sie die Apotheke erreicht, ist sie völlig erschöpft.

Vor ihr steht eine junge, freundlich lächelnde Apothekerin. „Was kann ich für Sie tun?“, fragt sie.

Die Hände verkrampfen sich in den Manteltaschen.

„Ich brauche… eine… Lösung.“ stottert sie. Dann erschüttert ein heftiger, lauter Niesanfall ihren harten Körper. Das Scheppern verklingt, während irgendwo im Hintergrund jemand „Gesundheit!“ wünscht. „Du meine Güte…“, murmelt sie verlegen.

Die Apothekerin unterdrückt ein Grinsen.

„Eine Schleimlösung, nehme ich an?!“

Die Hände lockern sich ein bisschen in den Manteltaschen.

„Ja.“

Ein Glucksen im Zwerchfell überrascht sie.

„Auch.“

 

 

 

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2 Kommentare zu „verschnupft

  1. Wünderschön geschrieben – da krieg ich glatt Pipi in die Augen…
    Weil es leise in mir murmelt und sagt:
    „Vielleicht ist sie das… die Lösung….. DAFÜR zu sein, statt dagegen… im Leben.“

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