Prinzessin ohne Schuhe

„Du willst gehen?“

Er sah sie erstaunt an.

„Nach all den Jahren willst du jetzt gehen?“

In seinen Augen glitzerte es verdächtig. Er hatte nicht damit gerechnet. Niemals hatte er damit gerechnet, sie zu verlieren. Für ihn war immer klar, dass sie zusammen bleiben würden bis ans Lebensende.

„Ja!“, sagte sie.

In ihrer Stimme war ein Zittern wahrzunehmen. Es war ihr bewusst, dass auch er es hören würde. Aber sie sprach trotzdem.

„Ich gehe jetzt!“

Ihre Worte standen im Raum. In großen, fetten Buchstaben hingen sie in der erdrückenden Atmosphäre und waren unmöglich zu ignorieren. Es fiel ihr schwer, ihm gegenüber zu stehen und ihn anzusehen. Die Tränen in seinen Augen blockierten ihren Energiefluss.

„Aber wieso denn? Wieso?“

Er machte einen Schritt auf sie zu und stockte dann. Sie wirkte unnahbar. Nichts vom alten, vertrauten Gefühl war mehr übrig. Sie war eine Andere.

„Du kannst nicht einfach gehen!“

Seine Stimme kippte. Er straffte die Schultern und räusperte sich. Dies hier konnte doch nur ein Irrtum sein. Nur ein schreckliches Missverständnis.

„Doch, ich kann gehen. Ich werde gehen, Vater!“

Sie schaute einen kurzen Moment zu Boden und diese Chance nutzte er. Noch einen weiteren Schritt, eine flüchtige Berührung ihrer linken Schulter und ein tiefkehliges Seufzen- und schon schnürte sich ihr Hals so sehr zu, dass sie kaum atmen, geschweige denn sprechen konnte.

„Nun mach dich bitte nicht lächerlich, mein Mädchen! Schau dich doch nur an! So willst du gehen? So?“

Er fasste ihr Kinn mit hartem Griff und drückte es nach oben, so dass sich ihre Blicke wieder trafen. Das Glitzern in seinen Augen war verschwunden. Ihre Augenlider flatterten und sie spürte, dass ihre Knie weich wurden.

Sie war eine jämmerliche Gestalt. Ihr Haar fiel strähnig ins blasse Gesicht, die eingefallenen Wangen waren zerkratzt, die gesamte Gesichtshaut wirkte schuppig und gereizt. Ihre Kleidung war vor allem alt und farblos, zudem aber auch noch seit längerer  Zeit ungewaschen und fleckig. Er hatte Recht: So konnte sie nicht gehen. So nicht. Die größte Schwierigkeit bestand aber nicht in ihrem abschreckenden Äußeren, sondern im Fehlen von Schuhen. Sie hatte noch nie welche besessen.

„Also, Mädchen, du musst es doch selbst einsehen: Es ist völlig unmöglich, dass du gehst.“

Er tätschelte ihre juckende Wange und schob sie ein Stückchen vorwärts. „Nun sei brav und geh zurück an deinen Platz!“

Als sie sich umdrehte und einen Blick auf ihr „Zuhause“ warf, spürte sie plötzlich einen Schlag ins Gesicht. Alles in ihrem Kopf brannte und schmerzte, hinter ihren Augen explodierten tausend Lichter und ihr Gehör befreite sich mit einem lauten Knall.

Vor ihr lag der Platz, an dem sie die letzten 20 Jahre überwiegend verbracht hatte: ein quadratischer Raum mit einem vergitterten Fenster. Ein Tisch, ein Stuhl, eine dünne Matratze mit fadenscheinigem Bettzeug, eine Glühbirne, die schlecht befestigt von der Decke baumelte, eine Campingtoilette und ein Eimer mit Regenwasser, den er ihr jeden dritten Tag neu auffüllte.

„Hast du nicht alles, was du brauchst, mein Mädchen? Du weißt, du musst es nur sagen!“

Er lächelte und entblößte dabei seine großen, gelblichen Zähne.

Ihr Kopf, ihre ganze Wahrnehmung bewegte sich im Zeitraffertempo. Das „Zuhause“, die stickige Luft, sein schlechter Atem, sein selbstgefälliger Blick, ihr brennendes Gesicht, das Rauschen in ihren Ohren, alles drang erbarmungslos in ihr Bewusstsein ein. Sie schaute an ihrem Körper herab und erkannte, dass ihr ihre Kleidung nicht passte. In ihrem Hals formten sich Laute.

„Ich…“, presste sie hervor, „Ich werde…“, sie schluckte und konzentrierte sich auf ihre Beine. Sie brauchte einen stabilen Stand. „Ich werde gehen!“, sagte sie schließlich laut und deutlich. Die Explosion in ihrem Kopf half ihr, aufrecht stehen zu bleiben und weiter zu denken.

„Ich werde gehen, hörst du?“

Sie wand den Blick von ihrem „Zuhause“ ab und wagte nun eine Drehung.

Er starrte sie an. Da war es wieder, das Glitzern in seinen Augen. Die Krokodilstränen.

„Hast du gehört, was ich sagte, Vater?“

„Mädchen, sei nicht dumm! Schau dich an, du kleines Ding! Schau dich an! Du kannst nicht gehen!“

Sie sah wieder an sich herab. Die Hose schlackerte um ihre Beine. Ihr Kopf surrte, als befände sich darin ein großes Bienenvolk. Sie machte einen Schritt. Einen wichtigen Schritt: Sie ging seitlich an ihm vorbei.

„Du kannst nicht gehen!“, begann er nun zu schreien, „Du kannst nicht! Du bist nichts! Du gehörst zu mir!“ Ihr Atem ging stoßweise, als sein Schreien gegen ihr inneres Getöse prallte. „Du wirst bleiben! Für immer! Du hast doch alles, was du brauchst!“

„Nein!“, platzte es nun aus ihrem Mund heraus, „Nein, Vater, ich habe NICHT alles, was ich brauche!“ Sie erreichte nun die mittlere Stufe der Kellertreppe. Er stand immer noch unten, bei ihrem „Zuhause“ und starrte sie an.

„Ach, machst du jetzt einen auf Prinzessin, oder was? So habe ich dich nicht erzogen, Mädchen!“

Er spuckte auf den Boden und fuhr sich durch die zurückgegelten Haare.

„Weißt Du was?“, brüllte sie ihn an, „Weißt Du was, Vater? Eine Prinzessin braucht Schuhe!“

Ein letztes Mal schrie sie sich die Kehle frei. Dann stolperte sie auf ihren nackten, geprügelten Füßen die restlichen Treppenstufen hoch, schlug die Kellertür hinter sich zu und durchquerte den Flur bis zur Haustür. Als sie sie öffnete, explodierte es in ihrem Kopf erneut. Die frische, sauerstoffreiche Luft überwältigte sie. Ihre Lunge entfaltete sich zu ihrer vollen Größe und das Blut schoss ihr ins Gesicht.

Sie machte weitere Schritte hinaus und zog die Haustür hinter sich zu.

Er folgte ihr nicht. Er stand immer noch vor ihrem „Zuhause“ und starrte auf seinen Spuckefleck am Boden.

„Eine Prinzessin braucht Schuhe!“, murmelte sie und trat zum ersten Mal in ihrem Leben in eine Regenpfütze auf der Straße.

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