Soldat

Seine Füße bewegen sich nackt über den steinigen Weg. Eben hat er es geschafft, sich aus dem Maisfeld heraus zu arbeiten. Er hat die Sterne betrachtet, den Mond, die Windrichtung gefühlt, Schritte gezählt, Temperaturen gespürt, am Boden gerochen. Nun läuft er in der Dunkelheit über den Weg mit den vielen kleinen, spitzen Steinchen. Auf dem Rücken trägt er seinen 15-Kilogramm-Rucksack und um die Hüfte hat er einen Gürtel mit Handgranaten geschnallt.

Möglicherweise wird die Zeit doch etwas knapp. Er muss sich beeilen, wenn er pünktlich am Treffpunkt ankommen will. Seine Schritte beschleunigen sich. Die Kratzer, Schnitte und Blasen an den Fußsohlen spürt er nicht mehr. Er ist seit 49 Stunden ohne Schlaf und er ist hellwach.

Sein Atem rasselt in der Brust. Der Gurt des großen Rucksacks drückt sehr durch den dünnen T-Shirt-Stoff und die Haut darunter ist bereits wund. Zum Glück ist es nicht bitterkalt, sondern eher mild in dieser Nacht. Andere Menschen sind auf dem Weg in den Urlaub, er selbst war noch nie woanders als hier, zwischen Maisfeld und Waldgebiet.

Er prüft mit einem kurzen, sicheren Handgriff den Sitz seines Hüftgürtels. Er sitzt etwas zu locker und rutscht ein bisschen, aber das lässt sich ausgleichen, wenn man ein bisschen schief läuft.

Sein Zählrhythmus ist absolut korrekt. Er weiß, wie sich Sekunden anfühlen und er trifft jedes Mal ganz genau die Minuten. Trotzdem ist er besorgt, dass er außerhalb der vorgegebenen Zeit ankommen wird.

Sie warten dort auf ihn. Es wird laufen wie immer: Zeit prüfen, Ablegen des Hüftgürtels, 25 Liegestütze mit Rucksack, Sprint zum Trainingsplatz, Einsatz der Handgranaten, kurze Schussprüfungen, zwischendurch Rapport des Gelernten- und irgendwann das Signal des „Trainers“, wenn es Zeit ist, zu verschwinden.

Sein Weg verändert sich nun. Die Tannen stehen dichter. Die Temperatur wird kühler. Er kann die Anlage schemenhaft erkennen. Ist er pünktlich? Hat er sich verzählt? Sitzt das Material korrekt?

Seine Schritte beschleunigen sich noch etwas mehr. Gleich ist er am Zielort.

Eine kurze Sekunde strauchelt er. Nicht fallen! Das hat man ihm doch eingebläut! Niemals fallen, wenn man den Gurt trägt! Niemals!

Er fällt nicht. Er steht schwankend. Er verliert seinen Zählrhythmus.

Einen kurzen Moment hat er nicht aufgepasst. Das wird Konsequenzen haben.

Ein Riemen des Rucksacks ist über die Schulter gerutscht. Und der Hüftgürtel sitzt bedrohlich schief. Jetzt fühlt er auch seinen geschundenen Füße und seinen flimmernden Kopf. Der Schmerz in seinem Rücken rollt erbarmungslos in sein Bewusstsein.

In seinem Kopf brüllt es: „Versager!“.

Er nimmt seine Schritte wieder auf und läuft. Nein, er rennt. Die Granaten schlagen gegen seinen mageren Bauch. Im Kopf rechnet er nun das kleine Einmal-Eins. Immer wieder. Keine Tränen, kein Aufgeben.

Er ist 8 Jahre alt und er ist ein Kämpfer.

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