Marita

Als ich Marita zum ersten Mal begegnete, saß sie im Waschsalon.

Vor ihr ratterten die Waschmaschinen in ohrenbetäubender Lautstärke, aber ihr schien es nichts auszumachen. Sie hatte den Kopf gegen die Wand gelehnt und die Augen geschlossen. Ihre Beine hatte sie übereinander geschlagen und ihr rechter Fuß wippte im Takt der Maschinengeräusche.

Durch das Fenster konnte ich erkennen, dass sie keine auffällige Frau war. Gut, sie war vielleicht etwas zu dünn, aber das machte nichts. Im Gegenteil: Es passte zu ihren strähnigen, blond gefärbten Haaren. Sie war mit einer ausgebleichten, blauen Jeans und einem weiten, schwarzen Pullover bekleidet. Geschminkt war Marita nicht. Hübsch war sie auch nicht.

Als ich zum ersten Mal mit Marita sprach, saß sie wieder im Waschsalon.

Normalerweise wasche ich meine Wäsche ja zu Hause. Ich habe schließlich eine eigene Waschmaschine. Trotzdem ging ich damals in den Salon mit einem Korb voller schmutziger Hosen, Pullis, Blusen und Röcke. Ich hatte jedoch darauf geachtet, nicht die auffälligsten Kleider einzupacken. Ich bin ja kein auffälliger Typ. Genau wie Marita.

Wir sprachen an diesem Tag also zum ersten Mal miteinander. Ich sagte „Guten Tag“ und sie antwortete, ohne auch nur einen Hauch von Bewegung zu zeigen, mit geschlossenen Augen: „Hallo!“. Ihre Stimme klang müde. Ein wenig rau. Dann schwieg sie. Ich fragte mich, ob ich sie geweckt hatte. Sicher hatte ich sie geweckt.

Mir kam es damals nicht eigenartig vor, dass an diesem Tag, als Marita und ich alleine im Waschsalon saßen, nur eine einzige Maschine ratterte. Es war meine. Marita schlief im Waschsalon. Sie wusch nicht. Aber das fiel mir damals nicht auf.

Es wurde zum Ritual für mich, einmal in der Woche meine Wäsche in den Waschsalon zu bringen. Ich überlegte sogar, meine eigene Maschine zu verkaufen. Gut, dass ich es nicht getan habe, damals.

Ich freute mich darauf, Marita zu sehen. Wir sprachen nicht mehr miteinander, als eine Begrüßung. Sie schlief die ganze Zeit. Zumindest hielt sie ihre Augen immer geschlossen.

Für mich war es völlig normal, dass zwei Monate vergingen, bis Marita mich zum ersten Mal ansah. Jeden ihrer Atemzüge hatte ich beobachtet, ihr Gesicht und ihren Körper konnte ich in Gedanken aufzeichnen. Ich hatte das Gefühl, niemanden sonst so gut zu kennen, wie diese unauffällige Frau. Niemand sonst war mir so nah, wie sie.

Nach zwei Monaten also öffnete Marita zum ersten Mal ihre Augen. Sie sagte: „Hallo!“ und sah mich an. Nicht aufmerksam, nein- sie blickte durch mich hindurch. Ihre Augen waren mit einer milchigen Schicht überzogen. Sah sie mich überhaupt?

Ich lächelte. Marita lächelte nicht. Aber sie fragte: „Bist wohl öfter hier, was?“. Ich war so erschrocken über ihre Fähigkeit, mehrere Worte hintereinander zu sprechen, dass ich nur nicken konnte. Der Klang ihrer Stimme drang in mich ein. Er berührte mich. Und er verschloss meinen Mund. Marita hingegen verschloss wieder ihre Augen.

Ich hatte den Kampf um ihre Aufmerksamkeit verloren.

Sie musste einen Namen haben. Sicher keinen auffälligen. Sicher klang er rau. Ich nahm mir vor, sie nach ihrem Namen zu fragen, beim nächsten Mal. Zu Hause blätterte ich in einem Namenbuch und suchte alles, was zu ihr passen würde, heraus. Von A bis Z waren es nur fünf Namen. Marita war nicht dabei.

Als ich eine Woche später den Waschsalon zur gewohnten Zeit betrat, war Marita nicht mehr da. Mir nahm eine fremde Macht meinen rechten Arm. Ganz allein, ohne Marita und ohne Maschinenrattern, stand ich da, inmitten dieser stimmen Kästen, die mich mit Knopfaugen und Bullaugenmund anstarrten. Maritas Platz war leer, die kahle, graue, kalte Wand grinste mich hämisch an, rief mir zu: „Ich habe sie verschlungen!“. Maritas Stuhl wartete gelangweilt auf den nächsten Gast.

Sie war verschwunden.

Sicher ist sie krank, dachte ich damals. Sicher ist sie in der nächsten Woche wieder da. Ich wollte ihren Namen erfahren. Sie durfte nicht so einfach gehen. Sie schuldete mir etwas. Ich habe sie wochenlang besucht in ihrem Waschsalon, habe mir Gedanken um sie gemacht. Sie hat die ganze Zeit nur vor sich hin geschwiegen. Aber ich, ich war immer für sie da, interessierte mich für diese unauffällige, hässliche Person.

Sie durfte nicht einfach so gehen. Sie schuldete mir etwas.

Ich habe ihren Namen doch noch erfahren. Mehr nicht. Nur ihren Namen. Er klingt nicht rau. Er klingt schrill. Er passt nicht zu ihr.

Heute wasche ich meine Kleider nur noch zu Hause in meiner eigenen Waschmaschine. Meine Kleidung wird nur zu Hause richtig sauber. Im Salon blieb immer ein Rest an Schmutz zurück.

Überhaupt war der Salon kein angenehmer Ort. Ich frage mich, warum Marita sich dort so oft aufhielt. Es war kein passender Platz für sie. Aber sie hatte ja nichts anderes. Der Waschsalon war immer geheizt. Außerdem roch es dort nach Seifenpulver. Draußen roch es nach Abgasen und Schmutz. Der Seifengeruch vermittelte Reinheit. Man konnte Sauberkeit tanken und seinen Dreck den Maschinen ins Maul stopfen. Sicher kam Marita deshalb so oft dort hin.

In der Zeitung stand, dass sie dreißig Jahre alt war. Sie sah älter aus. Vielleicht hätte sie sich schminken sollen. Aber das hätte ihre eingefallenen Wangen und die schwarzen Ränder unter ihren Augen auch nicht überdecken können. Außerdem hätte Make-up nicht zu ihr gepasst. Sie war ja kein auffälliger Typ.

Ich schminke mich auch nicht. Ich finde das vulgär. Frauen mit roten Lippen sind meistens auch im „Milieu“ unterwegs. Kein Wunder, dass dort so viele Morde geschehen. Rot fällt auf. Rot macht aggressiv. Marita hatte nie etwas Rotes an ihrem dünnen Körper. Und trotzdem. Das vierte Opfer.

Auf dem Foto in der Zeitung war sie nicht sehr gut getroffen. Schwarz-Weiß-Bilder machen dünn. Und sie war ja ohnehin schon so mager.

Ach, habe ich gedacht, wie schade um unsere Freundschaft. Wir werden uns nie wieder im Waschsalon treffen. Ihr Platz bleibt leer und die Wand kahl. Ich werde nur noch zu Hause waschen. Ich habe nie die Möglichkeit gehabt, sie nach ihrem Namen zu fragen, oder ihr richtig in die Augen zu sehen. Sie hat nie die Möglichkeit genutzt, mich kennenzulernen.

Ich weiß aus der Zeitung, wo nun ihr neuer Platz ist. Ich bringe ihr jede Woche Blumen. Keine auffälligen, nein, ganz schlichte, passende. Ihr neuer Platz ist nicht so warm wie der im Waschsalon. Aber er ist ruhiger. Jedes Mal, wenn ich dort vor dem hellen Marmorstein stehe, überlege ich, wer Marita eigentlich war.

Ich muss zugeben: Ich bin enttäuscht. Wir hätten richtige Freunde werden können.

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