Regenzeit

Sie stehen im Regen, von Angesicht zu Angesicht. Die Wassertropfen fließen an ihnen herab und lassen den Boden unter ihnen verschwimmen. Die Farben der Umgebung bewegen sich graublaugrün in Kugelwellen.

„Wer bist du?“ fragt er sie. Er schaut. Mit dunkelschwarzen Augen sieht er sich in ihren Kopf hinein. „Und wer bist du?“ fragt sie ihn zurück.

Sie streicht sich eine tropfnasse Strähne aus dem Gesicht und bemerkt seine zuckenden Oberarmmuskeln. Er ist angespannt, das weiß sie. Aber er würde es niemals zugeben. Und er würde nie vor ihr antworten.

„Ich bin deine Schwester“ sagt sie langsam. Die Worte fließen in Zeitlupe aus ihrem Mund und werden häppchenweise verschluckt von seiner Aufmerksamkeit. Einen kurzen Moment beunruhigt sie seine leicht vorgebeugte Haltung. Er scheint auf dem Sprung zu sein. Aber der Regen hält ihn auf der Stelle.

Sie schweigt. Der Satz hängt zwischen den Wassertropfen und verwischt von Sekunde zu Sekunde mehr. Die Zeit wird veratmet. Wo bleibt der Lauf der Dinge, wenn nichts mehr ist, wie es sein sollte?

Seine Schwester. Sie ist seine Schwester. Aber er wird niemals ein Bruder sein. Er ist der Regen, das Graublaugrün und jeder Sekundenschlag, er ist die Zeit und das Warten, das Starren mit dunkelschwarzen Augen. Aber er ist niemals ein Bruder. Er ist das Vergessen.

Sie weiß es. Aber sie würde ihn nicht belügen. Wenn er wissen möchte, wer sie ist, wird sie antworten. Immer. Und sie hält die Spannung in seinem Körper aus, ohne mit der Wimper zu zucken. Wenn er spürt, dass sie schwächelt, wird er zuschlagen.

„Du bist meine Schwester?“ Ein kurzes, arrogantes Lächeln wird sichtbar, bevor ein Schwall Regenwasser seinen Kopf überschwemmt. Einen kleinen Schritt bewegt er sich vorwärts und sie kann seinen Atem spüren. Ganz still stehen beide voreinander und die Zeit kommt wieder in Gang.

„Wärst du meine Schwester, hätte ich dich längst getötet!“

Seine Stimme schneidet einen Riss in den Regenvorhang. Er schaut nicht mehr. Er starrt.

Sie weiß, dass jetzt der richtige Zeitpunkt ist, um sich wegzudrehen und von ihm zu entfernen.

„Wäre ich nicht deine Schwester, hätte ich dich längst verlassen!“

Sie spürt, wie sich sein dunkelschwarzer Blick ins Flackern bewegt. Das Muskelzucken endet. Zu seinen Füßen sammelt sich immer mehr Wasser.

Einen kurzen Moment überlegt sie, ob es salzig sein könnte. Aus seinen Augen geflossen, an seiner Brust herab, auf den Boden. Sie streckt einen Arm nach vorne und berührt seine Schulter.

In seinem Gesicht erkennt sie sein Vergessen.

Er schaut sie wieder an und seine Augen bitten um Einlass in ihren Kopf.

„Wer bist du?“ fragt er,  „Sag schon! Wer bist du?“

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