Rettungsplan

Als es an der Haustür klingelt, erweitert sich schlagartig ihr Blickfeld. Pia kann nun das Zimmer wieder wahrnehmen: Ein Bett mit Pferdebettwäsche, ein Schreibtisch voller Chaos, ein kleiner Kleiderschrank mit beklebten Schiebetüren, Spielzeug und Kuscheltiere in einem Regal, Bilderbücher, in der Ecke ein Puppenhaus. Das große Fenster ist von halb heruntergelassenen Rolläden verdeckt, es scheint aber trotzdem Tageslicht hindurch.

Pia erhebt sich von ihm.

Langsam stützt sie sich auf die Fensterbank und sieht hinaus in den Garten. Eine Wäschespinne dreht sich im Wind, Kleidungsstücke flattern. Es könnte sein, dass es noch regnen wird im Laufe des Tages. Kurz überlegt sie, ob sie die Klamotten vorsichtshalber schon abnehmen soll.

Es klingelt erneut. Diesmal etwas länger. Pia steigt über ihn hinweg, ohne ihn noch mal anzuschauen und bleibt kurz vor der Zimmertür stehen. Sie betrachtet ihre Hände. Fremd, etwas zittrig, unwirklich, klebrig- so fühlen sie sich an, als sie sie mehrfach an ihrer Jeans abwischt. Dann öffnet sie die Tür und späht hinaus in den Flur.

Es ist still. Niemand sonst ist im Haus. Die weißen Fliesen reflektieren das Sonnenlicht, welches durch das milchige Glas der Haustür scheint. Sie erkennt schemenhaft eine Gestalt, die nun von außen gegen das Glas klopft. Dann klingelt es wieder.

Barfuß tappt Pia über die kalten Fliesen und bemerkt ihre eigenen Spuren nicht. Zögerlich legt sie eine Hand auf die Klinke. Als sie die Haustür schließlich öffnet, stürmt ihre Freundin Dana hinein und fällt ihr fröhlich um den Hals.

„Was ist los, warum warst du nicht in der Schule?“, plappert Dana munter drauflos und streift sich vor dem großen Dielenschrank die Schuhe ab.

Pia schweigt. Sie bemerkt ihre Fußspuren auf den Fliesen und dann fällt es ihr wieder ein.

Das Problem im Zimmer ihrer kleinen Schwester.

Dana muss verschwinden. Sie hat noch etwas zu erledigen.

Pia packt ihre Freundin am Arm und versperrt ihr den Zugang zum Rest des Hauses. „Ja, ich bin krank. Du kannst nicht bleiben. Ich muss wieder ins Bett!“ Energisch drängt sie Dana zurück zur Tür, greift dabei nach ihren Schuhen und wirft sie ihr vor die Füße.

Dana ist erschrocken. „Was hast du denn?“, stottert sie ängstlich und betrachtet Pia skeptisch. „Bist du irgendwie sauer oder so?“ Pia schüttelt den Kopf und schaut zur Seite. Sie kann nichts erklären. Es tut ihr leid, sie möchte ihre Freundin nicht verlieren, aber es geht gerade nicht. Es geht einfach nicht, mehr zu sagen.

„Was ist mit deinen Händen passiert?“, fragt Dana. „Und was ist das da hinten auf dem Fußboden? Bist du verletzt? Musst du zum Arzt? Wo sind deine Eltern?“

„Halt die Fresse!“, explodiert Pia und knallt Dana die Tür vor der Nase zu.

Dann sinkt sie auf ihre Knie und übergibt sich weinend.

Die Gestalt vor der Milchglastür verschwindet.

Die Dielenuhr tickt laut. Pia atmet durch. Sie muss noch Einiges tun, bevor sie ihre kleine Schwester vom Schwimmunterricht abholt. Aus der Gesäßtasche ihrer Jeans zieht sie die Liste. Alles hat sie genau notiert. Es ist ein Rettungsplan. Mit dem Packen der Reisetasche war sie fast fertig gewesen, es fehlten nur noch einige Kleidungsstücke ihrer Schwester- und dann kam er ins Zimmer. Früher von der Arbeit zurück, hungrig und wie immer wütend. Er hatte sie im Ablauf gestört. Sehr sogar.

Als er im Kinderzimmer ihrer Schwester stand und sie vor Schreck die Reisetasche fallen ließ, dachte sie zuerst, alles sei vorbei. Der Rettungsplan sei gescheitert. Er kam auf sie zu, griff sie hart am Arm, schrie sofort los und es hätte alles wie immer ablaufen können, hätte sie nicht die Schere vom Schreibtisch gerissen.

Dann lag er plötzlich auf dem Spielteppich. Und sie kniete auf ihm.

Dann klingelte ihre Freundin Dana.

Dann wischte sie sich die blutigen Hände an der Jeanshose ab.

Und nun hockt sie immer noch auf ihren Knien, mit der Liste in der Hand.

„Ich schaffe das!“, murmelt Pia leise. „Ich schaffe das! Ich bin 13 Jahre alt. Ich hole jetzt die Tasche und die anderen Sachen und dann schaffe ich es.“ In ihrem Kopf hämmert ein quälender Schmerz. Sie will nicht zurück in das Zimmer ihrer Schwester. Aber sie muss. In der Reisetasche befinden sich die 200 Euro, die sie seit dem vorletzten Geburtstag zusammengespart hat. Für diesen Tag, diesen Moment. Das Geld kann und will sie nicht zurücklassen.

Mühsam erhebt Pia sich. Sie fühlt sich vernebelt und erschöpft. Dabei hat die Rettung doch gerade erst begonnen. Oder nicht? Es sind die alten Verletzungen, die sie nun so quälen. Sie muss raus hier, raus aus diesem Haus, weg von allem. Mit ihrer Schwester zusammen. Kurz denkt sie an Dana. Sie ist ihre Freundin. Sie kann sie nicht mitnehmen. Pia wird sie sehr vermissen.

Sie läuft zurück zur Tür des Kinderzimmers. Davor bleibt sie stehen. Was, wenn er nicht mehr da liegt? Was, wenn er aufgewacht ist? Was, wenn er tot ist? Was hat sie getan?

Pia zögert. Aus dem anliegenden Badezimmer hört sie klatschende Geräusche. Es regnet!

Sie rennt durch den Flur, durch die Küche, über die Terrasse, die Treppen hinunter in den Garten. Sie reißt in Windeseile die Klamotten von der Wäschespinne. Sie möchte ihrer Mutter so wenig Unannehmlichkeiten wie möglich hinterlassen.

Vollbepackt mit der klammen Wäsche geht sie zurück ins Haus. Legt alles ordentlich zusammen. Streicht über das frische, duftende Frotteehandtuch. Faltet die dünne, glatte Bluse ihrer Mutter. Dann blickt sie sich in der Küche um. Das Mittagessen wurde vorbereitet. Es ist sauber. Die Spülmaschine blinkt. Ein selbstgehäkelter Topflappen hängt neben der Dunstabzugshaube. Am Kühlschrank kleben selbstgemalte Bilder von beiden Kindern. Ihre Brotdose steht unangetastet auf der Arbeitsplatte. Ein Rezeptbuch liegt aufgeschlagen neben der Spüle.

Pia denkt an ihre Mutter.

Die stumme Frau mit den abgekauten Fingernägeln, die die Küchentür schließt, wenn es im Rest des Hauses laut wird. Die stumme Frau, die voller Angst vor dem eigenen Schmerz alles in sich abschaltet, was wahrnehmen könnte, dass ihre Töchter Hilfe brauchen. Die stumme Frau, deren Haar wunderbar duftet und deren Marmorkuchen der Allerbeste auf der Welt ist.

Pia lässt die Küche hinter sich.

Mit festen Schritten geht sie zurück zum Kinderzimmer. Sie wartet keine Sekunde, sondern reißt die Tür sofort auf. Er ist noch dort, wo er vorhin war. Seine Augen sind geschlossen. Der Teppich ist versaut. Er sieht aus, als würde er noch atmen. Pia schnappt sich die Reisetasche und läuft zur Tür.

Dann atmet sie durch. Hinter ihr scheint sich etwas zu bewegen. Sie atmet tiefer.

Der Regen prasselt immer noch gegen die Badezimmerscheibe.

Was wird bleiben?

Sie lässt die Reisetasche fallen, geht zu ihrem Vater zurück und nimmt erneut die Schere.

Sie will ihrer Mutter keine Unannehmlichkeiten hinterlassen.

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10 Kommentare zu „Rettungsplan

  1. Sehr gruselig. … Ich tue mir etwas schwer, weil es diesen Gedanken bestätigt, dass Gewaltopfer unberechenbar sind und zu Täter_innen werden. Bei allem Verständnis für ihre Wut, Angst (ist ja Notwehr der erste Angriff mit der Schere), aber dann. Es ist sehr gut beschrieben, allerdings doch eine verschwindende Minderheit an Frauen und Mädchen, die oft jahrelange Gewalt erfahren (von klein auf), reagieren so. Eine Minderheit, die liebend gerne in den Medien groß beschrieben wird. Und alle anderen werden verschwiegen. Bei solchen Berichten klappt es, die Opfer der Gewalt als Täterinnen darzustellen. Das kommt in einer Gesellschaft gut an, welche Gewalt gegen Frauen und Mädchen nicht sehen mag. Darum ist dieser Beitrag sehr schwierig für mich, obgleich es wirklich sehr gut geschrieben ist.
    Liebe Grüße
    „Benita“

      1. Das ist mir wohl bewusst, dennoch transportiert diese Geschichte eben dieses Gesellschaftsbild. Vor allem bei Leuten, die kaum Einblick in die Thematik haben.
        Wie wohl ich verstehe, dass es auch gut tut, eigene Wut über eine solche Fiktion auszuleben. Danke, dass du es hier klar schreibst, dass es eine Geschichte ist.

  2. Wieder einmal sehr berührt von Text. Das einfühlen fällt da sehr leicht und ich persönlich empfinde es als eine Geschichte mit Happyend. Emotional. Kognitiv ist mir natürlich klar, dass ich es so nicht bewerten „darf“.
    Ich wiederhole mich, aber ich mag deine Art zu schreiben einfach gerne ☺️

  3. Hoffentlich weiß die Mutter von Pia welch eine starke, bewundernswerte und zugleich auch verletzte Tochter sie verloren hat. Pia weiß um ihre Verluste und kompensiert sie heute mit Stärke, nicht nur im Schreiben. Danke Pia.

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