Pippi in der Psychiatrie

Er setzt sich gemächlich auf einen hellgelben Plastikstuhl. „Guten Tag! Mein Name ist Doktor Kraushaar. Wissen Sie, wo Sie hier sind?“

Sie schaut sich langsam um. Vier Wände, weiße Tapete, keine Bilder, Linoleumboden. Ein kleiner weißer Tisch, drei Stühle. In der Ecke eine Art Servierwagen mit medizinischem Zeugs. Vor ihr ein großer, schlaksiger Mann in weißem Kittel. Sie nickt. „Jawohl, Eure Großkotz- äh, Großheiligkeit!“

Er greift in seine Brusttasche und zieht seinen persönlichen Kugelschreiber heraus. Sein Gesicht spannt sich an. Er notiert etwas auf einem knitterigen Blatt Papier. „Ich muss doch schon bitten..“, presst er hervor. Sie knallt ihre flache Hand auf den Tisch und ruft munter „Aber sicher doch, Doktor Kraushaar! Du darfst ruhig bitten, das ist gesund! Das hilft gegen alles, sogar gegen Spraxonitis!“. Er starrt sie konsterniert an und kritzelt dann „Renitent. Distanzgestört. Manisch?“ auf das Papier.

Sie wippt mit den Knien auf und ab. Der Mann vor ihr sieht ärgerlich und ratlos aus. Und übermüdet. Er tut ihr ein bisschen leid. Beherzt ergreift sie seine Hand und drückt sie tröstend. Das scheint ihm nicht zu gefallen. Er zieht den Arm hektisch zurück und ruft „Nicht anfassen!“. Dann atmet er durch und schaut sie an. „Wie heißen Sie?“

„Ach, das weißt du nicht?“, lacht sie fröhlich auf. Noch bevor er einwenden kann, dass er gesiezt werden möchte, springt sie mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit auf ihren Stuhl und dann auf den Tisch. Ganz weit breitet sie ihre Arme aus und strahlt ihr allersonnigstes Grinsen dem Mann ins Gesicht. „Nun denk doch mal nach! Ich weiß, dass du weißt, wie ich heiß!“ Er seufzt und ergänzt seine Befunderhebung mit den Worten „Psychose? Verfolgungswahn?“.

„Wieso meinen Sie, dass ich weiß, wie Sie heißen?“, fragt Doktor Kraushaar ernst. Seine Augenbrauen ziehen sich so weit zusammen, dass die beiden Haarbüschel eine gerade Linie ergeben. Sie lacht auf und sagt „Da müssten kleine Flöhe mal mit einem winzigen Rasenmäher drübergehen, das wäre lustig und dann…“. Er unterbricht sie. „Sehen Sie Flöhe? Oder andere Dinge, die sonst niemand sieht?“ Sie nickt eifrig. „Natürlich! Jeden Tag! Ich sehe meine Mutter im Himmel. Und dann finde ich auch noch jeden Tag Sachen, die andere Leute nicht finden.“ Sie klatscht in die Hände und ist von sich selbst begeistert. „Was für Sachen finden Sie? Und wo?“ Der Mann reibt etwas nervös seine Hände. Sie schaut ihn ernst an. „Aber wenn ich dir das verrate, kann ich die Sachen doch nicht mehr finden, weil du sie dann findest!“ Doktor Kraushaar scheint etwas schwer von Begriff zu sein.

Er faltet das Papier in der Mitte zusammen und lehnt sich auf seinem Stuhl zurück. Dann betrachtet er sie. Eine seltsame Gestalt. Sie trägt schwarze Schuhe und farbige Strümpfe. Er wird sie auf der Akutstation aufnehmen und sie medikamentös einstellen. Diese Person ist eindeutig nicht ganz normal. „Also, ich möchte, dass Sie sich jetzt wieder hinsetzen!“ Sie nickt freundlich und lässt sich auf dem Tisch im Schneidersitz nieder. „Nein, nicht so! Auf den Stuhl, bitte!“ Sie schaut ihn ratlos an. „Warum?“ „Weil, also, weil sich das so gehört und weil, ähm, weil ich das sage!“. Sie schüttelt den Kopf. „Nein! Ich finde das gehört sich anders.“ Er atmet tief durch und erhebt sich von seinem Stuhl. Dann geht er um den Tisch herum und lehnt sich gegen die Wand.

„Also, Frau, ähm, wie heißen Sie? Ach, egal, also, gnädige Frau, Sie befinden sich hier im Aufnahmebereich der städtischen Psychiatrie. Man hat Sie aufgegriffen, als Sie den örtlichen Süßwarenladen leerkaufen und mit Goldstücken bezahlen wollten. Als man Sie fragte, woher Sie das Gold haben, antworteten Sie, ihr Vater habe es aus Taka-Tuka-Land mitgebracht. Als die Verkäuferin die Polizei hinzurief, kletterten Sie auf das Dach des Geschäftes und bewarfen die Beamten mit Bonbons. Desweiteren behaupteten Sie, Tochter eines Kapitäns zu sein, einen Affen zu besitzen und in der Villa Kunterbunt zu leben. Nachforschungen beim zuständigen Einwohnermeldeamt ergaben, dass dies nicht zutreffen kann. Sie sind schließlich von einem Sondereinsatzkommando vom Dach geholt worden, wobei Sie sich mit Leibeskräften wehrten und eine Massenkarambolage auf der gegenüberliegenden Straßenkreuzung verursachten.“

„Stopp!“, rief sie empört „ Das war nicht meine Schuld! Die Autos sind zusammengekracht, als der kleine Onkel mir helfen wollte und…“ „Nein, nein, nein!“ Doktor Kraushaar wurde wütend. „Jetzt hören Sie doch auf damit! Sie haben ein gigantisches Chaos verursacht!“ Es wurde plötzlich still im Raum.

Sie kaute auf ihrer Unterlippe und schmollte ein wenig. „Tut mir leid!“, murmelte sie schließlich. Der Mann nickte. „Gut. Wir fangen noch mal von vorne an. Wie heißen Sie?“

„Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf“, antwortete sie gewissenhaft.

Doktor Kraushaar warf den Kopf in den Nacken. Das hier machte gar keinen Sinn. Diese Frau war eindeutig psychotisch. Er drückte den Signalknopf, um das Pflegepersonal zu rufen. „Also schön, Frau, ähm, Langstrumpf, wir nehmen Sie jetzt auf unserer Station auf und Sie werden eine Weile bleiben müssen, bis Sie, naja, also, bis sich Ihr Zustand gebessert hat.“

„Aber mein Zustand war noch nie besser!“, lachte sie. Dann sprang sie auf und war mit zwei Sätzen an der Tür. „Tschüß, Eure Großkotz- äh, Großheiligkeit Doktor von und zu Kraushaar! Ich muss jetzt gehen. Ich verspreche, ich werfe nicht mehr mit Bonbons auf Polizisten. Zumindest heute nicht mehr.“ Dann riss sie die Tür auf, rannte das herbeieilende Pflegepersonal über den Haufen, zertrümmerte die geschlossene Eingangstür des Krankenhauses und ritt auf dem kleinen Onkel davon.

Sie wurde nie mehr gesehen.

Zumindest nicht von Doktor Kraushaar.

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