Frullerbü

Mein Radiowecker meldet sich mit einer fröhlich klingenden Frauenstimme, die die Nachrichten spricht:  „…. soweit alles im grünen Bereich, kein Stau, keine Autounfälle, schönes Azorenhoch namens Piccobella… es wird ein sonniger Tag!“- ich gähne herzhaft, strecke mich und schwinge mich ausgeschlafen aus dem Bett.

In der Küche sitzt meine Liebste bereits am Frühstückstisch und blättert in der Tageszeitung. „Guten Morgen, mein Schatz- Roberto Blanco ist tot!“ „So beginnt der Tag großartig!“, freue ich mich und hocke mich neben die Liebste auf die Küchenbank. „Wie sieht Dein Tagesplan heute aus?“ frage ich die schöne Frau an meiner Seite und schmiere mir ein großes Nutella-Toast.

„Also, ich muss in einer halben Stunde los zum Yogakurs, danach fahr ich kurz ins Büro und schaue, ob mein Sekretär ordentlich arbeitet und in der Mittagspause treffe ich mich mit den anderen Kolleginnen aus der Chefinnenetage. Wir müssen nämlich echt mal besprechen, was wir jetzt mit unserem Überschuss machen, den wir erwirtschaftet haben. Wir werden spenden- aber für welches Frauenprojekt, das ist noch nicht klar.“ Die Liebste grinst, als ich mir das zweite Nutella-Toast schmecken lasse und nimmt es mir frecherweise aus der Hand. Mit einem herzhaften Biss minimiert sie das Brot auf die Hälfte und gibt es mir dann zurück. Sie rutscht von der Küchenbank und packt ihren Rucksack zusammen.

„Ihr seid aber auch ein großartiges Team im Büro!“, sage ich und strecke den Daumen nach oben „Da soll noch mal irgendwer sagen, es gäbe immer nur Zickenkrieg, wenn Frauen zusammenarbeiten!“

„Quatschkram, so ein blödes Macho-Gelaber! Die Jungs im Sekretariat sind die wahren Zicken, da hältst Du´s keine Minute aus! Soll mir egal sein. Sollen die mal ihre Streitereien schön selbst regeln, ich bin doch nicht Mutti!“

Die Liebste verschwindet im Bad und ich schaue träumerisch aus dem Fenster. Unser Garten ist sooo schön! So viele wilde Gewächse, Kräuter, bunte Blumen, eine dicke große Nana-Figur und unsere knallige Regenbogenfahne, die fröhlich flattert und leuchtet. Unsere Nachbarinnen haben uns die große Fahne zum Einzug geschenkt, damit wir uns in der Siedlung sofort zu Hause fühlen können. Das tun wir auch- wir möchten nicht mehr woanders leben. Ich liebe die Nachmittagsrunden bei Kaffee und Kuchen, die spielenden Kinder auf dem selbstentwickelten Abenteuerspielplatz, die vielen Hunde und Katzen, die kunterbunten Fahrräder, Grillabende, Handwerkerinnen- und Kunstprojekte und die entspannte, sichere, liebevolle Atmosphäre.

Ein lautes Klopfen reißt mich aus meiner Träumerei. „Ja??“, rufe ich und schaue Richtung Haustür. Seitdem wir hier wohnen, müssen wir sie nicht mehr abschließen. Es ist wirklich möglich, ein offenes Haus zu haben, ohne Schlimmes zu riskieren.

Unsere Nachbarin Erika poltert herein. Sie ist 1,80 m groß, 130kg schwer, von Beruf Profi-Ballerina und ca.50 Jahre alt. So genau weiß man das nicht und es ist auch egal. Sie ist ein Urgestein dieser Siedlung und die glücklichste Frau, die ich kenne (außer mir selbst natürlich). „Gute Morgen, meine Liebe! Gut geschlafen?“ ruft Erika und ich nicke lächelnd, „Ich will nicht lange stören, wollte Dir und Deinem Schätzchen nur den Rest vom Nudelsalat rüberbringen. Ist vom Sommerfest des Ballett-Theaters übrig geblieben! Wir haben uns zwar alle die Wampe ordentlich vollgeschlagen, aber es war trotzdem noch viel übrig.“ Sie stellt eine große Salatschüssel auf den Küchentisch und lässt sich in den Schwingsessel fallen. Sie trägt ein interessantes Kleid mit großen Prilblumen drauf und ihre Haare sind rappelkurz rasiert. „Danke, Erika! Nudelsalat ist immer gut! Hast Du schon gelesen, Roberto Blanco ist tot!“ Ich beuge mich über den Tisch und schnuppere am Salat. Vielversprechend.

„Göttin sei´s gedankt! Manche Probleme lösen sich von selbst. Jetzt fehlen nur noch Berlusconi, Trump und Gottschalk und die Welt ist deutlich heller geworden!“ Erika grinst breit. Wir sind uns einig. In letzter Zeit hat sich die Bunga-Bunga-Hölle reichlich gefüllt: Bohlen, Grass, Schuhbeck, Putin, Friedmann, Kubicki, Matthäus, Lanz, Sido, Bushido… bei jedem Einzelnen erheben wir in der Siedlung gemeinsam das Sektglas und stoßen auf die Weisheit der großen Göttin an.

Meine Liebste kommt frisch und wunderschön aus dem Bad und umarmt Erika zur Begrüßung. „Na, ist das ein kleiner Guten-Morgen-Plausch?“, schmunzelt sie und schnappt sich ihren Rucksack. „Ich muss jetzt los, wir sehen uns heute Nachmittag!“ Als sie mir einen herzlichen Kuss gibt, wünschte ich, sie hätte heute frei. Ein gemeinsames Schaumbad, bei offenem Fenster und fröhlichem Vogelgezwitscher, das wäre jetzt schön. „Vielleicht später“, denke ich und gebe der Liebsten einen Klaps auf den Po. „Viele Grüße an Deine Kolleginnen!“ rufe ich ihr hinterher. Ich sehe durch das Flurfenster, wie sie ihren hübschen, runden Po auf das kunterbunte Hollandrad schwingt und in die Pedale tritt. Seitdem wir hier leben, mache ich mir keine Sorgen mehr, wenn sie weg fährt. Auch nicht, wenn es dunkel ist. Ich weiß, dass ihr nichts passieren wird.

„Tja, Erika, und was machen wir beiden Hübschen jetzt?“ Ich strecke die Beine aus und schiele Richtung Nutella und Toast. Oder doch lieber einen Happen Nudelsalat? Ach, nö,- lieber einen Apfel und dann ein bisschen raus. „Spaziergang?“ frage ich die glückliche Ballerina im Schwingsessel vor mir.

Erika hebt sich aus dem Sessel, nickt, lacht und ist mit wenigen Schritten bei der Haustür. Ich greife mir einen Apfel, schlüpfe in die Birkenstock-Sandalen, werfe einen kurzen Blick in den Spiegel und kümmere mich nicht darum, dass meine Haare heute noch nicht gewaschen wurden und dass ich die neonfarbenen Leggins aus den 80ern trage. Sie sind einfach soooo wunderbar bequem und es kümmert hier doch niemanden, welche Kleidung ich trage. Ich werde gemocht, wie ich bin. Egal, wie ich aussehe.

Draußen laufen wir an graffiti-verschönten Häuserwänden vorbei. Erika sieht nachdenklich aus. „Weißt Du noch, wie das damals war, mit den ganzen Graffitis? Überall war irgend ein Scheiß zu lesen: Fotze, Schlampe, Ficken, Bitch, usw. Und heute?!“ Sie schaut auf die Mauer vom Frauenladen gegenüber: „Guten Morgen, Du Schöne!“ ist da zu lesen und die Zeiten der ewigen Beleidigungen scheinen Jahrzehnte vorbei zu sein. „Heute ist alles besser!“, sage ich und wir lächeln uns an.

Wir beide sind anders aufgewachsen: Zu Zeiten, als Frauen noch wegen ihres Geschlechts beleidigt, bedroht, ignoriert, benachteiligt, angegriffen wurden. Wir kennen noch die alte „Red Coon“-Werbung mit dem Slogan „So viel billig gab´s noch nie!“, wir kennen Grabscher und Pöbler, Gewalttäter und Machos, Frauen, die das Stockholm-Syndrom voll auslebten und von Solidarität nichts gehört hatten, Magermodels, Zwangsprostitution, Frauenhandel, Pornographie, die Aggro-Berlin-Assis, die aufdringlichen Blicke, wenn man in der Öffentlichkeit eine Banane aß, ungleiche Bezahlung im Job, und so weiter, und so fort.

Und heute? Heute leben wir mit einer Bundeskanzlerin, die sich als Feministin bezeichnet und auch so handelt, ohne „Jobs im Niedriglohnbereich“, ohne BMI-Terror, mit realistischen Konfektionsgrößen, Hoffnungen, Wünschen, Plänen, persönlicher Freiheit…  Die Sonne scheint, die Männer auf dieser Welt halten die Füße still, an den Knöpfen zu militärischen Aktionen sitzen Frauen, Erika macht spontan einen Schwanensee-Sprung und schreit “ Juchhu“ und ich beschließe, ein neues Buch zu schreiben. Ich habe schon einen Titel im Kopf, als ich an unserem Ortsschild vorbeigehe:

„Frullerbü“… Ein Bullerbü für Frauen….

Advertisements

Rückmeldung? Gern!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s