Danach im Lavendelfeld

„Es könnte aufhören, weh zu tun, aber nichts hält den Schmerz auf, der dann noch kommt. Wenn es aufgehört hat, weh zu tun, scheuert die Ruhe, in der du treibst, deine Haut wund. Und es pocht in dir. So sehr.“

Sie sitzt auf dem obersten Balken des weißen Zauns und lässt ihre nackten Füße baumeln. Vor ihr liegt das Lavendelfeld. Hier wollte sie sein, wenn die Zeit reif ist. Nirgendwo anders. Und heute ist es soweit.

„Du meinst, Leben schmerzt irgendwie immer?“, fragt ihr Begleiter. Er steht mit dem Rücken zum Feld neben ihr und schaut an ihr vorbei. Augenkontakt mag sie nicht, das weiß er längst.

„Ich meine, dieser eine Schmerz, dieses endlose, wortlose, seelenlose Schreien und das eiskalte Entsetzen, dieser eine Schmerz könnte aufhören. Aber dann? Dann bleibt das Danach, und das gibt dir den Rest.“

Sie lässt einen Fuß immer wieder gegen den Zaunpfosten prallen. Das dumpfe Geräusch strapaziert seine Nerven. Er hebt eine Hand, um sie zum Hinschauen zu bewegen. Sie sieht jede kleinste Bewegung im Augenwinkel. Er schüttelt langsam den Kopf und deutet auf ihr wippendes Bein. Sie seufzt und stoppt und zupft stattdessen an ihrem Handrücken herum.

„Aber das Danach ist doch nicht mehr so schlimm, wie das Davor, also das, was vorher war. Oder?“, murmelt er, während er ihre zerkratzte Hand betrachtet und sich fragt, ob sie wohl jemals damit aufhören würde, sich selbst zu verletzen.

„Wie das Davor?“, fährt sie ihn entgeistert an „Du meinst wohl das Mittendrin! Es gibt kein Davor! Niemals gab es das! Nur ein Mittendrin, immer nur ein Mittendrin.“ Wütend lässt sie nun beide Beine gegen den Zaun knallen und registriert nicht, dass sie sich damit blutig schlägt. Er schweigt.

„Okay“, sagt er schließlich beschwichtigend „Okay!“

„Nein“, schreit sie, als sie vom Zaun ins Lavendelfeld springt „Gar nicht okay! Du hast keine Ahnung! Es tut immer weh, immer! Ich bin immer Mittendrin!“

Ihre Aufregung beunruhigt ihn.

„Aber, du hast doch eben gesagt, dass es auch aufhören könnte und…“

„Ach, verpiss dich doch! Hau ab! Ich weiß gar nicht, warum ich dich hier hin mitgenommen habe!“ Sie fährt sich durchs kurze Haar und spuckt in den duftenden Lavendel. „Ich scheiß auf dich!“

Er atmet tief durch. Im Grunde kennt er sie ja. Manchmal passieren solche Dinge. Es sind Missverständnisse, nichts weiter. Sie ist leicht verletzbar. Sehr leicht sogar. Er hasst es, wenn Situationen eskalieren.

„Wolltest du nicht mit mir hier hin, um die Vergangenheit zu begraben?“ Langsam dreht er sich zu ihr um und lehnt sich über den Zaun. Sie steht starr und in sich versunken da, ihre Wut scheint verraucht zu sein. Er kann ihre Stimmung nicht deuten.

„Hm?!“, macht er, „Na, komm schon!“

Sie neigt im Zeitlupentempo ihren Kopf zur Seite und bläst die Nasenflügel auf. Es riecht so intensiv nach Lavendel, dass ihr plötzlich die Tränen kommen.

Die Vergangenheit begraben, hier im Lavendelfeld, das wollte sie tatsächlich. Den Schmerz loswerden, ihn der Natur zur Transformation überlassen.

Sie kratzt ihren Handrücken, bis es unter ihren Fingernägeln feucht wird. Sie wundert sich. Was tut sie da?

Dann schaut sie ihn an.

Der plötzliche Blickkontakt erschreckt ihn. Das ist er nicht von ihr gewohnt.

Sie hebt eine Hand an ihr eines, schwarzblau verfärbtes, geschwollenes und blutunterlaufenes Auge. Mit einem Finger drückt sie leicht dagegen und sagt: „Das hier, das war das allerletzte Mal, hörst du?!“

Ein schneller Griff in die Innentasche ihrer Jacke, ein Klicken, ein Schuss und sein Blut sickert ins Lavendelfeld.

„Du warst mein Mittendrin!“, flüstert sie.

Und dann ist Danach.

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2 Kommentare zu „Danach im Lavendelfeld

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