Gewitterschwestern

Sie sind nebeneinander.

Beide schauen auf den Atlantik. Aus den gleichen Augen, aber mit verschiedenen Blicken.

Die Eine reitet mit ihrem Herzen auf den wild zuckenden Blitzen und wünscht sich einen Baum, in den sie einschlagen kann. Sie stößt mit jedem Donnergrollen fremdsprachige Worte aus ihren Tiefen hinaus, die als schwere Felsbrocken im Wasser versinken. Hohe Wellen bringen alles heran, was in ihr existiert und nehmen es im nächsten Atemzug wieder mit sich fort. Nichts bleibt für länger.

Die Andere kauert sich im warmen Dünensand zusammen. Starr hängt ihr Blick am Himmel fest. Die Blitze brennen Löcher in ihr Denken und das Donnern schnürt ihr die Kehle zu. Im Bauch wächst eine Panikbombe. Sie tickt und tickt und tickt. Sie greift nach der Einen neben sich und verbrennt sich dabei die Finger.

Jede Lichtexplosion da draußen über dem Atlantik frisst ein Stück mehr von ihr, der Anderen.

Der Jüngeren.

Die Ältere schreit inzwischen gegen das Meergetöse an. In den Ohren pfeift es laut und mit dem wachsenden Beben der feuchten Luft steigert sich auch das Zittern in ihren Beinen. Fliegen will sie, direkt in die Blitze hinein, weil sie so schön sind, weil sie sie rufen und weil, weil, weil.

Zwei Hände schieben sich durch den Sandboden nach vorne.

Es folgt der Rest des Körpers wie eine gleitende Schlange.

Ein herzzerschmetternder Donner rüttelt an ihrem Rücken, als sie sich flach auf dem Bauch liegend in jedes einzelne Sandkorn verkriecht. Überall ist sie, die Jüngere. Sie verteilt sich, noch bevor die Panikbombe explodiert.

Dann wendet die Eine, die Ältere, den Blick einen Moment ab. Vom Spektakel über dem Atlantik.

„Ich habe sie mitgenommen“, erkennt sie erschrocken, als sie den Sand an ihren Händen entdeckt.

Der nächste Blitz geht an ihnen vorbei. Am nächsten Morgen werden sie sehen, welchen Schaden dieses Gewitter angerichtet haben wird. Im Wald hinter ihnen.

In ihnen selbst.

„Es tut mir leid“, sagt die Ältere und sammelt die kleinen Körnchen der Jüngeren vorsichtig auf. Vielleicht wird sie einige dort auf der Düne vergessen oder übersehen.

„Ich habe dich nicht bemerkt“, sagt die Eine, während die Andere in schützenden Händen wieder erwachsen kann.

Sie lassen den Atlantik hinter sich.

Gewitterkinder.

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