Am Tag danach

Sie will diese beiden Schritte gehen. Aber sie hält inne, zögert und der Moment packt sie am Schopf und zieht sie zurück. „Eine Kehrtwende ist nicht das Schlimmste, was heute passiert ist“, denkt sie. Trotzdem fühlt sie sich mies, als sie den Brief wieder zurück in die Jackentasche steckt und den gelben Kasten hinter sich lässt.

In ihrer Wohnung wartet ein Spülberg. Die Party von gestern hat Spuren hinterlassen und sie geht im Kopf die Notwendigkeiten durch, die sie wirklich nicht aufschieben will: Staubsaugen, Müll rausbringen, Küche wiederherstellen. Schlafen. Anschließend wirklich ausgiebig schlafen. Ihr Körper fühlt sich zittrig an und der Schädel brummt. Aber es ist kein Kater, der sie im Griff hat. Alkohol gab es doch gar nicht, gestern auf ihrer Party. Es ist „das Schlimme“ und es ist der Brief, der nun doch nicht dort gelandet ist, wo sie ihn hinbringen wollte. Weil diese beiden letzten Schritte unmöglich geworden waren, nachdem sie begonnen hatte, Gedanken zuzulassen. Der Brief klebt ihr im Nacken, buchstäblich. Und von dort fressen sich die wütend ausgekotzten Worte wieder zurück in ihren Kopf.

Unschlüssig geht sie durch ihren Wohnungsflur. Es riecht nach fremden Menschen. Gäste, die sich in ihrem Zuhause breit gemacht hatten.

„Neue Wege entstehen dadurch, dass man sich bewegt“, denkt sie plötzlich.

Sie lässt das Chaos hinter sich.

Die Wunde am Hinterkopf pocht, als sie sich bückt, um den Brief abzulegen.

Einen kleinen verführerischen Augenblick zu lang bleibt sie stehen und schaut auf das lauter werdende Geräusch. Sie möchte festhalten, möchte verbunden bleiben und will sich nicht trennen von ihrer Kunst auf Papier, von ihrem Sterbenswörtchen, das sie nun doch gesagt hat, obwohl es gar nicht sein darf… Papieranklage voller Wut. Die will sie nicht verlieren, diese Wut.  Zur Not– aber doch besser

zur Seite gehen, bevor etwas noch viel Schlimmeres passiert, als das Schlimme, was bereits passiert ist.

Als die zwei glühenden Augen näher kommen und mit lautem Donnern ihre ausgekotzten Worte zerfetzt werden, jubelt sie innerlich. Überraschend.

„Zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, denkt sie und klettert auf einen Baum.

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©lingufaktur

 

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