Kartoffel-Experiment

Sie betrachtet die kleine Knolle und beschließt ein Experiment.

Sie geht zurück zum Gemüsebeet und bereitet die Saatfurchen vor. Das tut sie ruhig und beinahe meditativ.

Dann beginnt sie feierlich ihren Versuch:

Drei Kartoffeln nimmt sie achtsam aus dem Sack heraus, hält sie in beiden Händen und schaut sie liebevoll an. Dann spricht sie zarte, herzliche Worte zu ihnen. Wie wunderbar sie aussehen, wie gesund. Wie sehr sie sich freut, dass sie nun in ihrem Garten leben werden. Und wie dankbar sie für eine reiche Ernte sein wird.

Sie bettet jede Kartoffel zur Ruhe, wünscht ihnen eine gute Nacht und deckt sie dann behutsam mit Erde zu. Einen Moment bleibt sie stehen, atmet in den Bauch und hört das Leben in ihr rauschen.

Dann greift sie drei weitere Knollen aus dem Sack heraus. Aber mit ihnen spricht sie nicht. Sie reibt nur kurz über ihre kühle Schale, legt sie wortlos und gefühlsneutral in die Saatfurche und schiebt zügig die Erde darüber.

Dann wendet sie sich ab und geht zur Gartenbank.

Sie setzt sich und malt in ihrem Gartenbilderbuch den Beginn ihres Experimentes:

Ein braunes Feld. Zwei Kartoffeldämme nebeneinander. Aus dem einen sprießen bereits grüne Blättchen. Der andere ist stumm. Bleibt stumm?

Ein Mädchen, das vor dem braunen Feld steht. Es trägt ein buntes Kleid und hat lange Haare, die wie Antennen vom Kopf abstehen. Das Mädchen lächelt und über ihm prangt ein rotes Herz. Die Sonne scheint.

Im Hintergrund steht ein weiteres Mädchen. Es ist kleiner und die Haare sind kurz. Es ist grau angemalt. Es lächelt auch, so wie das andere Mädchen, aber da ist kein rotes Herz.

Sie klappt das Gartenbilderbuch zusammen und steht auf. Dann geht sie zurück ins Haus, in dem die Manu, die Erzieherin,  gerade das Essen zubereitet. Es ist laut und andere Kinder wuseln um sie herum. Die Erzieherin wirkt ein bisschen genervt, aber sie bemüht sich, ihre Stimmung nicht an ihren Pflegekindern auszulassen.

Als sie alle gemeinsam am Tisch sitzen, fallen ihr die Unterschiede wieder auf. Manche Kinder haben dieses rote Herz bei sich. Manche haben Sonnenschein um sich herum. Trotz allem. Und manche sind grau. Untröstlich grau. Dabei wohnen sie doch alle aus gleichen Gründen hier?

Sie denkt an ihr Experiment.

Dann fragt sie: „Manu, kann sich eigentlich alles wieder heilewachsen?“

 

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Ein Kommentar zu „Kartoffel-Experiment

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