Verlustangst

Ich sehe dir beim Schlafen zu. Meine Hand möchte dein Gesicht berühren, ohne dich aufzuwecken. Ich bin vorsichtig und meine Fingerspitzen halten vor deiner Haut inne. Zerbrechlich wirkst du, so zart und klein. Dabei bist du in der Lage, den Boxsack beinahe zu zerlegen. Wenn du wach bist.

Du strahlst Wärme aus. Deine Wimpern zittern. Ich lege mich ganz langsam auf die Seite und wünschte, ich könnte so nah an dich heranrücken, dass meine Brust deinen Herzschlag fühlen kann. Aber du sollst ungestört weiterschlafen. Also schließe ich kurz die Augen und konzentriere mich auf die Energie, die sich zwischen uns bewegt.

Du bist woanders, als ich. Du ruhst, schläfst, träumst. Wo bist du? Ich öffne die Augen und suche dich. Deine Atmung ist tief und gleichmäßig. Es fühlt sich plötzlich so eng an in meiner Kehle. Was, wenn du weggehst? Was, wenn du nicht mehr aufwachst?

Meine Hand verkrampft sich und Tränen schießen in meine Augen. Ich weiß gar nicht, wohin meine Gedanken fliegen. Es passiert einfach so: Ich bekomme Angst.

Du schläfst ganz friedlich, aber in meinem Kopf verwandelt sich dein wunderschöner Anblick in ein Horrorszenario:

Irgendwann ist das Leben vorbei. Deins und meins. Irgendwann wirst du sterben und vielleicht bin ich ja dann noch da. Wirst du genau so aussehen wie jetzt, wenn du tot bist? Wirst du einfach verschwinden, irgendwohin, wo ich dich nicht mehr erreichen kann? Was wird sein, wenn mein Herzschlag nie mehr deinen Herzschlag fühlen kann?

Ich könnte auf der Stelle für immer in Tränen ausbrechen.

Aber ich will nicht. Ich reiße mich zusammen. Ich muss dich finden, jetzt sofort. Meine Fingerspitzen streifen deine warme Gesichtshaut und ich denke: „Bitte entschuldige, dass ich dich wecken muss!“

Deine Wimpern zittern noch kurz und dann öffnest du die Augen. Als ich deine Pupillen sehe und deinen Blick einfange, verschwindet meine Angst. Ich atme lange und erschöpft aus. Du lächelst verschlafen, ich küsse sanft deine Stirn und dann drehst du dich von mir weg, auf die andere Seite. Anschließend schläfst du sofort wieder ein.

Ich betrachte deinen Rücken.

Langsam robbe ich so nah an dich heran, dass meine Brust und mein Bauch deine Rückseite berühren. Ich kann deinen Atemrhythmus spüren.

Ich schließe die Augen und passe mich an.

Ich versuche, dir zu folgen.

DSCF6442
©lingufaktur
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8 Kommentare zu „Verlustangst

  1. Sehr berührend. Ich weiß genau wie sich das anfühlt. .Diese eiskalte Hand, die nach deinem Glück zu greifen droht. Wir alle fürchten sie. Auch wenn wir wissen, die Energie bleibt, auch wenn einer geht. Und bis dahin vertrau und glaube an das Leben.

      1. Diese Angst begleitet mich ständig. Ich bin nicht einmal in der Lage, einfach so das Haus zu verlassen, ohne mich zu verabschieden.

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