auf einer Ebene

Sie überlegt fieberhaft. “Wieso weiß ich keine Antwort, verdammt?”

Sie wippt mit ihrem rechten Fuß auf und ab.

Ihr Gegenüber sitzt ruhig auf einem Stuhl und schaut sie aufmerksam an.

Die Uhr tickt. Noch mehr als zwanzig Minuten. Dann ist die Stunde rum.

“Du musst darauf nicht antworten, wenn du nicht magst…”, sagt das Gegenüber freundlich.

Der Fuß wippt heftiger. Außerdem zittern ihre Gesichtsmuskeln. “Doch, ich will schon, aber…”, presst sie hervor. Dann senkt sich die Stille noch etwas tiefer über ihr Haupt und die Kiefergelenke versperren anderen Worten ihren Weg nach draußen.

“Du wirkst gestresst”, stellt das Gegenüber fest. Dann bewegt es sich vom Stuhl in die Höhe und lässt sich auf dem Teppichboden im Schneidersitz nieder. Beide sind nun auf einer Ebene. Körperlich.

Ihr Herz klopft heftig durch den gesamten Brustraum.

Die Frage klebt auf ihrer Stirn:

“Wer bist du?”

Im Idealfall hat sie ein Gespür für ihr Alter.

Für ihre Lieblingsfarbe.

Lieblingsmusik.

Dafür, ob sie-er sich weiblich oder männlich fühlt. Oder weder noch.

Eine Idee dazu, weshalb sie gerade im Außen aktiv ist. Woher sie kommt. Weshalb es sie gibt. Ob sie alleine da ist, oder ob noch andere mit ihr sind.

Manchmal weiß sie sogar, was sie kann. “Ich kann mich auf einem Fahrrad fortbewegen. Und schwimmen. Außerdem habe ich schon mal Klavier gespielt. Und ich weiß, wovon sich Buckelwale am liebsten ernähren.” Das alles denkt, aber verschweigt sie.

Und das ist es wohl nicht, was ihr Gegenüber eben erfragt hat.

Darum geht es nicht.

Und deshalb läuft ihr der Angstschweiß den Rücken herunter.

Gesprochen wurde: “Wer bist du?”

Gemeint ist aber: “Wie heißt du?”

Zur Orientierung. Zur Orientierung ihres Gegenübers. Identifikation. Outing. Ertappt. In der Falle.

“Wenn ich keinen Namen habe, bin ich nicht”, denkt sie. Dann tropfen Tränen in ihren Schoß.

Plötzlich durchbricht das Gegenüber die lähmende Stille:

“Keine Angst!”, flüstert es beinahe. “Darf ich etwas näher zu dir rutschen?”

Kurze Zeit später begegnen sich zwei Hände. Die eine vom Nordpol, die andere aus der Karibik.

“Was möchtest du mir von dir sagen?”, fragt das zum Nebenan gewordene Gegenüber.

Die Uhr tickt weiter.

In zwei Minuten ist die Stunde vorbei.

Das Herz pocht jetzt auf der linken Halsseite und schickt Donnergrollen durch die Ohren.

Sie schluckt. Und atmet. Und schaut.

Das Nebenan trägt eine Kette mit einem blauen Stein.

Sie denkt an “Die unendliche Geschichte”. Die Kindliche Kaiserin. Das Ende von Phantásien. “Sag meinen Namen!”

Dann nimmt sie Anlauf.

Und springt.

“Buckelwale fressen gerne Krill!”, sagt sie.

Das Nebenan lächelt.

Herzlich Willkommen!”

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5 Kommentare zu „auf einer Ebene

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