Amygdala auf Reisen

Ich sitze in einem gut gefüllten, großen Zugabteil. Menschen murmeln, rascheln, knistern, kauen, telefonieren, plaudern, schnarchen. Die Geräuschkulisse ist gemäßigt. Ich atme durch und schaue aus dem Fenster. Versuche, in einen entspannten Zustand zu kommen. Knete meine Hände, betrachte meine Gegenübers, rieche den Curryduft meiner Nachbarin.

Alle Mitreisenden sind irgendwie beschäftigt. Das Gemurmel macht müde. Zugfahren ist nicht mein Fall. Aber ich orientiere mich an den anderen und bewundere jene, die eingeschlafen sind. Kein Grund zur Sorge.

Bis ein Geräusch durch den Wagen schallt und den Moment unterbricht. Blechern, viel zu laut. Ich erkenne etwas Arabisches und denke an den Ruf eines Muezzin. Die anderen Mitreisenden assoziieren offenbar ähnlich und die Atmosphäre ändert sich schlagartig.

Große Pupillen, angehaltener Atem, plötzliche Totenstille. Suchende Blicke, Ortungsversuche. Unterbrochene Gespräche, aufgeschrecktes Zucken.

Ich trete innerlich ein wenig zur Seite und denke ein Wort, welches die Situation erklärt. Verständlich macht. Betiteln könnte.

„Terrorangst“, denke ich.

„So sieht wohl Terrorangst aus.“

Ich kann nicht fassen, was ich gerade selbst erlebe und gleichzeitig bei anderen beobachte.

Inmitten der Sprach- und Atemlosigkeit rollt der Zug gleichmäßig weiter, draußen sind Natur, Wetter, Tiere, Autos, Wolken, Temperatur. Und in diesem Waggon geraten Menschen von jetzt auf gleich emotional aus den Fugen. Wegen eines Geräusches, das im Angstzentrum des Gehirns andockt. Konditionierte Menschen. Manipulierte Reaktionen. Medienberichterstattungsopfer?

Der Moment dauert an. Bis der scheppernde Ton abrupt endet und eine schüchterne, mittelalte, männliche Stimme sagt: „Sorry. Is´nur Ramadan.“

Ich glaube, einige Mitreisende begreifen zeitgleich, was dieser Handyklingelton in ihnen ausgelöst hat. Wie aufgewachte Träumer schütteln sie leicht die Köpfe, lächeln, schmunzeln, zucken mit den Schultern. Manche sehen peinlich berührt aus, manche nachdenklich.

Nach wenigen Sekunden entwickelt sich wieder das Murmeln. Augen werden geschlossen, Buchseiten umgeblättert, Blicke schweifen aus den Fenstern, Husten löst die Verspannungen.

Ich betrachte meine eiskalten, verkrampften Finger und möchte laut zu lachen anfangen.

Nur ein Handyklingelton.

Nur Ramadan.

Absurd.

 

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4 Kommentare zu „Amygdala auf Reisen

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